Geschisterkinder mit Hund am See
Bild: © Jenny Sturm / Adobe Stock

Für mittlere Geschwisterkinder ist absolute Gerechtigkeit ungerecht und unproduktiv – sagen Wissenschaftler aufgrund einer neuen Studie. Geschwisterneid ist ein oft unterschätztes Thema.

Jedes Kind hofft auf das größte Stück vom Kuchen

Wo die meisten Elternpaare beteuern würden, ihre Kinder gleich intensiv und innig zu lieben, fühlt sich beinahe jedes Kind gegenüber dem Geschwisterchen benachteiligt. Psychologen um Dr. Ralph Hertwig vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin zeigten, dass beide Parteien Recht haben könnten. Paradoxerweise führt sogar gerade die gerechte Aufteilung von Zeit und Geld auf die Kinder, zu einem Nachteil für die mittleren Geschwister. Ihr Modell, das auf einer einfachen Berechnung basiert, deckt sich mit Daten aus zahlreichen empirischen Studien aus aller Welt.

Geschwisterneid ist so alt wie die Menschheit. Und vermutlich hat dieser Neid Wurzeln in unserer Biologie. Rein biologisch nämlich, also durch die Brille des „egoistischen Gens“ gesehen, ist sich jedes Kind selbst am nächsten und versucht daher, das größte Stück vom Kuchen zu ergattern.

Den Eltern dagegen stehen ihre leiblichen Kinder genetisch alle gleich nah und deshalb könnten sie die Tendenz haben – wenn es nicht an Nahrung oder sonstigen Ressourcen mangelt – aus purer „genetischer Berechnung“ alles gleichmäßig unter ihren Nachkommen aufzuteilen.

In Wirklichkeit waren die Rollen und Chancen der Kinder je nach ihrem Geschlecht und Rang in der Geburtenfolge schon immer sehr verschieden, in vielen Kulturen wurden die ältesten Söhne vor allen anderen ausgezeichnet. Doch in modernen Gesellschaften scheint sich der Trend unter Eltern durchzusetzen, die Kinder „gleich“ zu behandeln. Eine einfache Überlegung zeigt nun aber, dass selbst bei mathematisch exakter Teilung von Zeit, Geld und allen anderen Ressourcen die mittleren Kinder insgesamt benachteiligt bleiben.

Rechenmodell ergibt Nachteil für mittlere Geschwister

Die Wissenschaftler stellten zunächst ein schlichtes Modell auf. Sie nahmen an, dass Eltern zu jedem Zeitpunkt ihre Ressourcen wie Nahrung, Geld, Zeit etc. vollkommen gerecht auf die vorhandene Anzahl Kinder verteilen. Immer wenn sie ein weiteres Kind bekommen, erhöht sich die Anzahl der Kinder, unter denen die elterlichen Ressourcen verteilt werden. Im Lauf der Jahre summieren sich die Zuwendungen, die die Kinder erhalten, doch je nach ihrem Rang in der Geburtenreihenfolge ist ihr „Kontostand“ verschieden hoch angewachsen: Denn die Erstgeborenen müssen die ersten Lebensjahre nicht teilen und die darauf folgenden Jahre zunächst nur mit einem einzigen Geschwister.

Günstig wird die Bilanz auch für die allerjüngsten Kinder, aber erst am Ende ihrer Jugendzeit: Da die älteren Geschwister mit der Zeit selbständig werden, können dann auch die Nesthäkchen von den ungeteilten Ressourcen profitieren. Rein rechnerisch ergibt sich ein Nachteil für die mittleren Kinder, der umso größer ist, je mehr Geschwister vorhanden sind und je geringer der Geburtenabstand ausfiel.


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Kampf dem Geschwisterneid: manchmal fairer, nicht gerecht zu sein?

Schon frühere Studien hatten beispielsweise belegt, dass jüngere Geschwister häufiger eine lückenhafte Impfgeschichte aufweisen als die ältesten Geschwister, die sich noch der ungeteilten Sorge der Eltern erfreuen konnten. In kinderreichen Familien auf den Philippinen stellten Wissenschaftler fest, dass die mittleren und jüngeren Kinder im Schnitt eine geringere Körpergröße erreichten – ein Hinweis auf unzureichende Ernährung in ihren ersten Lebensjahren, in denen sie schon mit mehreren Geschwistern teilen mussten. Auf einen späten Vorteil für die jüngsten Geschwister weisen Studien aus den USA hin:

Eltern finanzieren ihren jüngsten Kindern mit höherer Wahrscheinlichkeit eine lange und kostspielige Ausbildung, weil die älteren Geschwister dann schon finanziell unabhängig geworden sind: Oft allerdings gezwungenermaßen und relativ zügig, um ihren Eltern nicht mehr auf der Tasche zu liegen.

Die Gleichverteilungsrechnung zeigt, dass Gerechtigkeit kein einfaches Unterfangen ist: Gerade die gleiche Aufteilung von Ressourcen führt ja eben nicht zu gleichen Chancen. Aber kluge Eltern haben das wohl auch schon irgendwie geahnt und sich nicht sklavisch darauf verlassen. Jetzt haben sie auch eine wissenschaftliche Begründung dafür, warum es manchmal fairer ist, nicht gerecht zu sein.


(Quelle: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung)

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