Egal ob beim Aufstehen, beim Essen oder beim Zähne putzen – wiederkehrende Abläufe kennen wir alle. Sogenannte Rituale. Doch wie wichtig sind feste Rituale für Kinder, und wie entstehen sie? Welche Rituale gibt es und wie finde ich das richtige für meine Familie? Lest hier alle Informationen zum Thema und holt euch ein paar Tipps und Anregungen für den Alltag.

Bei Familie Franken sieht jeder Morgen gleich aus: Aufstehen, waschen, anziehen – und ab in die Küche, zum gemeinsamen Frühstück. Jeder kennt seinen Platz und jeder kennt seine Aufgaben beim Aufräumen nach dem Frühstück. Ein Ablauf, der dem ein oder anderen von euch bekannt vorkommt? Dahinter verbergen sich jetzt keine hellseherischen Fähigkeiten, sondern die Gewissheit, dass in fast allen Familien, die morgendlichen Routinen beinahe gleich aussehen. Doch diese Routine ist (auf gewisse Weise) bereits das erste Ritual am Tag.

Mama und Tochter reden im Bett
Die kleine Pausetaste im Bett kann wichtige Dinge klären, ohne Hektik aufkommen zu lassen. (Bild © liderina / Adobe Stock)

Rituale sind immer wiederkehrende Situationen und Abläufe. Meistens sind es gemeinsame, die die ganze Familie zum Beispiel an einen Tisch kommen lässt, wie beim Frühstücken oder zum Abendessen. Manchmal sind es aber auch ganz eigene Abläufe, wie der Kaffee am Morgen, bevor Mama alle Kinder weckt. Rituale begleiten uns oft unbemerkt durch den ganzen Tag.

Familien-Rituale schenken Geborgenheit

Für Kinder sind Rituale eine wichtige Orientierungshilfe in ihrem Tagesablauf. Läuft alles in gewohnter Reihenfolge, können sich Kinder auf die darauf folgende Situation schon vorab einstellen. Das gibt ihnen Sicherheit! Solche Rituale sind ein Wegweiser durch den Tag.

Viele dieser wiederkehrenden Abläufe entstehen unbewusst – und oft sogar ohne das Zutun der Eltern. Der immer gleiche Handlungsstrang am Morgen, der Abschiedskuss im Kindergarten, bis zur ausgiebigen Kuschelrunde am Abend, sind gewachsene Rituale. Darüber hinaus übernehmen Eltern oft unbewusst Abläufe und Angewohnheiten, die sie noch aus ihrer eigenen Kindheit kennen, weil sie sich wohlig daran erinnern.

In Familien stärken Rituale und Traditionen das „Wir-Gefühl“. Umso schwieriger ist es, lieb gewonnene Handlungen abzulegen. Wenn der Sohn bei der Verabschiedung an der Schule erklärt, dass er jetzt groß genug ist, ohne Abschiedskuss den Tag zu überleben, kann das schon kurz kneifen.

Die meisten Rituale werden im Laufe der Jahre immer wieder den aktuellen Bedürfnissen angepasst. So merkt man schnell, dass auch der fehlende Abschiedskuss nicht ersatzlos verschwindet. Er wird vielleicht mit einem kurzen Drücken oder durch ein paar besonders liebe Worte ersetzt. Ganz so, wie man dem Säugling abends ein Gute-Nacht-Lied gesummt hat, dem Kleinkind eine Geschichte vorgelesen hat, und mit dem Teenager noch gemeinsam ein wenig Fernsehen schaut. Wenn sich die Umstände ändern, gibt es nicht zwingend weniger Bedarf an einem Ritual.

Rituale in der Familie schon früh einführen

Ist ein Paar gerade zum ersten Mal Eltern geworden, müssen Rituale im Alltag erst einmal entstehen. Säuglinge haben meist die ersten drei Lebensmonate keinen eigenen Rhythmus. Erst ab dem dritten Wachstumsschub (mit 12 Wochen), können sie fließende Übergänge erkennen und wahrnehmen. Der richtige Zeitpunkt, um die ersten Rituale einzuführen.

Mutter und Baby kuscheln
Bild: © nuzza11 / Adobe Stock

Gerade am Abend, wenn der Tag hinter den Säuglingen liegt, können Rituale helfen abzuschalten und sich gemeinsam darauf vorzubereiten, ins Bett zu gehen. Wie das jeweilige Ritual dabei aussieht, sollten Eltern gemeinsam entscheiden.

Wie viele Rituale sind nötig?

Experten raten dazu, zwei bis höchstens drei einfache Rituale in den Tag zu integrieren. Dazu ein paar Wochen- und/oder Jahresrituale. Wichtig ist jedoch, dass diese Zusammenkünfte allen Beteiligten Spaß machen. Es muss jederzeit erlaubt sein, das Ritual neuen Bedürfnissen anzupassen, oder es manchmal auch ausfallen zu lassen. Niemals mit Zwang. Es soll den Alltag begleiten und das Familienleben stärken, jedoch nicht einengen.

Hier ein paar unverbindliche Ideen: 

Der gute Start in den Tag: Aufsteh – und Morgenrituale

Rituale am Morgen erleichtern euren Kindern den Start in den Tag. Hierbei solltet ihr berücksichtigen, ob euer Kind ein Morgenmuffel ist und Zeit zum Aufwachen braucht, oder ob es morgens schon freudig aus dem Bett hüpft. Mögliche Rituale am Morgen können sein:

  • Die Vorhänge langsam zu öffnen und euren Stöpseln noch etwas Zeit zu lassen, um wach zu werden.
  • Das gemeinsame Kuscheln im Elternbett
  • Der Kakao aus der immer gleichen, ganz besonderen Tasse
  • Ein gemeinsames Frühstück
  • Die Lieblings Hörspiel-CD zum wach werden

Waschrituale – Körperpflege mit Spaß und guter Laune

Papa und Tochter putzen die Zähne
Bild: © Jacob Lund / Adobe Stock

Auch der Ablauf im Bad kann mit Ritualen begleitet werden. Sie können tatsächlich den Spaß an der Körperpflege steigern:

  • das Lieblingshandtuch zum Abtrocknen nach dem Duschen oder Baden
  • ein Zahnputz-Lied
  • eine Zahnputzsanduhr
  • eine kleine Massage

Guten Appetit – gemeinsame Mahlzeiten

In der heutigen Hektik sind gemeinsame Mahlzeiten wichtiger den je. Ihr solltet deshalb darauf achten, dass nicht jeder isst, wann er gerade Zeit dafür findet, sondern dass so oft wie möglich, die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen werden. Zum Mittagessen sind oft nicht alle Familienmitglieder zu Hause, weshalb das Frühstück und Abendessen besonders wichtig sind. Die Zeit der Mahlzeiten kann eine Möglichkeit der Familienkommunikation sein. Morgens kann man so über die anstehenden Aufgaben sprechen und sich abends über die Erlebnisse, Erfolge und Rückschläge des vergangenen Tages austauschen. Schöne Rituale beim Essen könnten sein:

  • ein Gebet oder Spruch zum Beginn des Essens
  • der schön gedeckte Tisch mit besonderen Lebensmitteln (z.B das Ei am Sonntag, oder Nutella am Morgen)
  • Mittagsroulette – jeder darf einmal aussuchen, was es gibt. Oder ein bestimmtes Essen, dass jede Woche am selben Tag stattfindet (z.B. ein Nudeltag)
  • das gemeinsame Kochen

Begrüßungs- / Abschieds – Rituale

So wichtig wie der Start in den Tag, ist die Art, wie ein Familienmitglied begrüßt oder verabschiedet wird. Kam es morgens z.B. in der Hektik zum Streit, wird niemand mit einem guten Gefühl zum Kindergarten, zur Schule oder zur Arbeit gehen. Ein Abschiedsritual erleichtert den Kindern zudem die Trennung von den Eltern, wenn sie in den Kindergarten oder in die Schule müssen.

Doch auch die Begrüßung spielt eine große Rolle. So fühlt es sich anders an, wenn man mit einem „Wieso hast du so lange nach Hause gebraucht?“ begrüßt wird, oder mit „Schön, dass du da bist. Wie war dein Tag?“.  Ein schönes Ritual zur Begrüßung oder zum Abschied könnte sein:

  • ein Kuss auf die Wange oder den Mund
  • das gemeinsame Anziehen und aus dem Haus gehen
  • eine herzliche Umarmung
  • Dem Anderen etwas für den Tag wünschen

Schlaf gut, John Boy – Das Gute-Nacht-Ritual

Die Abendtrituale sind vor allem dazu da, sich von den Erlebnissen am Tag zu erholen und zur Ruhe zu kommen. Insbesondere kleinere Kinder haben manchmal Schwierigkeiten, die vielen Eindrücke zu verarbeiten und finden nur schwer in den Schlaf. Wenn der Abend nach einem bestimmten Muster abläuft, können schon die Kleinen besser abschalten und sich auf das Schlafengehen vorbereiten. Sie finden so die nötige Entspannung und Ruhe für einen erholsamen und gesunden Schlaf.  Tolle Abend- und Gute-Nacht-Rituale für eure Familie könnten sein:

  • eine Gute-Nacht-Geschichte
  • das Hören eines Hörspiels
  • gemeinsames Kuscheln auf dem Sofa oder dem Bett
  • ein Kuss auf die Stirn, Wange oder Mund
  • ein Gebet oder ein schöner Spruch

Bei älteren Kindern und Jugendlichen könnten auch folgende Rituale den Abend ausklingen lassen:

  • gemeinsam einen Film schauen
  • ein Spiel spielen
  • gegenseitiges Geschichten oder Bücher vorlesen

Festliche Rituale / Jahres-Rituale

Familienrituale müssen nicht immer täglich stattfinden. Festliche Rituale, die zu Traditionen werden, oder eine Tradition, die jedes Jahr zur gleichen Zeit gelebt wird, gehören ebenso dazu. Schön ist es, wenn die Familie diese Gelegenheiten gemeinsam festlegt und beibehält. Dabei ist es nicht selten so, dass genau diese Traditionen später von euren Kindern auch in deren Familien, so oder so ähnlich, weiter geführt werden. Beispiele für solche Traditionen, die euch im Jahr als festliche oder Jahreskreisrituale begleiten könnten, sind:

  • Plätzchen backen am ersten Adventswochenende
  • Gemeinsam den Weihnachtsbaum für das Christkind schmücken
  • Ostereier färben
  • der schön geschmückte Tisch an Geburtstagen
  • ein Spaziergang beim ersten Schnee
  • Familienausflug am ersten Mai
Familie Picknick Ausflug
Aber auch der monatliche Familienausflug mit Picknick kann ein festliches Ritual sein. (Bild: © New Africa / Adobe Stock)

Wahrscheinlich ist euch nun aufgefallen, dass sich in eurer Familie schon viele Rituale entwickelt haben, die ganz selbstverständlich zu eurem Alltag dazugehören. Oft sind fehlende Rituale aber ein Grund für immer wieder auftretende Konflikte. Überlegt in einem solchen Fall, wie Ihr die anstehenden Aufgaben ritualisieren könnt. Es kann wirklich helfen, etwas mehr Struktur und Ruhe in den Alltag zu bringen.


Über den Autor

Jacqueline Esser

Jacqueline ist staatlich anerkannte Erzieherin, mit der Qualifikation zur Betreuung von Kindern unter drei Jahren. Diese Qualifikation hat sie bereits lange, bevor es als Pflichtteil zur Ausbildung aufgenommen wurde, freiwillig absolviert. Neben ihrer beruflichen Laufbahn, ist sie Mutter von zwei Kindern. Einem Mädchen und einem Jungen. Ihre Erfahrungen schöpft sie also aus beruflichen sowie privaten Herausforderungen. Dies macht sie zu einer perfekten Autorin für unser Magazin.

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