AuDHS bedeutet, dass ein Mensch autistisch ist und zugleich ADHS hat. Für Kinder und ihre Eltern kann das erklären, warum sich manche Bedürfnisse scheinbar widersprechen und vertraute Hilfen nicht immer ausreichen. Hier erfahrt ihr, was hinter dem Begriff steckt, wie eine sorgfältige Abklärung aussieht und was euren Familienalltag erleichtern kann.
Vielleicht gibt es bei eurem Kind bereits eine Diagnose. Ihr habt euch informiert, vieles ausprobiert und merkt trotzdem: Manche Situationen lassen sich damit noch nicht gut verstehen. Vielleicht steht ihr auch ganz am Anfang und sucht nach einer Erklärung für Schwierigkeiten, die euer Kind und euch viel Kraft kosten.
Dieser Beitrag soll euch dabei Orientierung geben. Denn ob eine zweite Diagnose vorliegt, lässt sich nicht aus einzelnen Verhaltensweisen ablesen. Eure Beobachtungen sind aber ein guter Anlass, gemeinsam mit Fachleuten genauer hinzuschauen. Auch die Frage, welche Unterstützung euer Kind in Kita und Schule wirklich braucht, gehört von Anfang an dazu.
AuDHS auf einen Blick
- AuDHS und die englische Schreibweise AuDHD bezeichnen das gemeinsame Auftreten von Autismus und ADHS.
- Die Kombination ist keine eigenständige dritte Diagnose. Beide Bereiche müssen sorgfältig untersucht werden.
- Merkmale können sich überschneiden, gegenseitig verdecken oder im Alltag unterschiedlich auffallen.
- Unterstützung richtet sich nach den Bedürfnissen des Kindes und der Familie. Es gibt keinen Plan, der für alle passt.
Was bedeutet AuDHS?
AuDHS verbindet die Begriffe Autismus und ADHS. Gemeint ist, dass bei einer Person beides gemeinsam vorliegt.
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Sie kann es erschweren, Aufmerksamkeit, Handlungen und Impulse zu steuern. Autismus betrifft unter anderem die soziale Kommunikation, den Umgang mit Veränderungen und die Verarbeitung von Sinneseindrücken. Beide gehören zu den Besonderheiten der neurologischen Entwicklung: Sie beginnen in der Kindheit, auch wenn sie manchmal erst viel später erkannt werden.
Im englischen Sprachraum wird meist AuDHD geschrieben, weil ADHS dort ADHD heißt. Viele Betroffene nutzen den gemeinsamen Begriff, um ihre Erfahrungen besser beschreiben zu können. In der Diagnostik wird jedoch für Autismus und ADHS jeweils geprüft, ob die entsprechenden Kriterien erfüllt sind.
Ein Begriff erklärt nicht das ganze Kind. Zwei Kinder mit denselben Diagnosen können sehr unterschiedliche Fähigkeiten, Interessen und Unterstützungsbedürfnisse haben. Dazu gehört auch, wie sie sich ausdrücken und wie viel Hilfe sie im Alltag benötigen.
Vielleicht begegnet euch noch die frühere Bezeichnung Asperger-Syndrom. In neueren internationalen Diagnosekatalogen werden die früher getrennten Autismusformen im Autismus-Spektrum zusammengefasst. In deutschen Arztbriefen können weiterhin ältere Bezeichnungen stehen: Für die Dokumentation von Diagnosen gilt hier 2026 noch der Katalog ICD-10-GM. Sein Nachfolger ICD-11 ist noch nicht verbindlich eingeführt. Welche Hilfe ein Kind braucht, muss unabhängig von der verwendeten Bezeichnung geklärt werden.
Wie häufig kommen Autismus und ADHS zusammen vor?
Das gemeinsame Auftreten ist gut belegt. Eine einzelne Zahl kann die unterschiedlichen Gruppen und Lebenssituationen aber nur grob beschreiben.
Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2021 wertete 63 wissenschaftliche Veröffentlichungen aus. Über die eingeschlossenen Studien hinweg hatten rund 39 Prozent der autistischen Teilnehmenden zusätzlich ADHS. Wie hoch der Anteil ausfiel, hing unter anderem vom Alter, von den Diagnosekriterien und davon ab, wo die Menschen für die Studien gewonnen wurden. Die Zahl ist deshalb kein persönlicher Risikowert für euer Kind.
Bei Autismus und ADHS spielen erbliche Einflüsse eine wichtige Rolle. Warum beides häufig gemeinsam auftritt und welche weiteren Faktoren dabei zusammenwirken, ist noch nicht vollständig geklärt.
Wie kann sich AuDHS bei Kindern zeigen?
Es gibt keine feste Liste, an der ihr AuDHS sicher erkennen könnt. Entscheidend ist, wie sich ein Kind über längere Zeit entwickelt und was es in verschiedenen Situationen braucht.
Aufmerksamkeit, Planung und Impulse
Bei ADHS kann es zum Beispiel schwerfallen, eine Aufgabe anzufangen, einzelne Schritte im Kopf zu behalten oder bei einer Tätigkeit zu bleiben. Auch Abwarten und das Unterbrechen einer spontanen Handlung können viel Anstrengung kosten. Manche Kinder sind sichtbar ständig in Bewegung, bei anderen stehen Unaufmerksamkeit oder innere Unruhe stärker im Vordergrund.
Im Alltag kann das bedeuten: Ein Kind weiß, was es für die Schule einpacken möchte, verliert aber auf dem Weg zum Ranzen den nächsten Schritt aus dem Blick. Wiederholte Ermahnungen helfen dann womöglich weniger als eine kurze gemeinsame Vorbereitung. Was von außen wie mangelnde Mühe wirkt, sollte deshalb genauer betrachtet werden.
Kommunikation und Sinneseindrücke
Im Autismus-Spektrum können unklare Erwartungen, indirekte Aussagen oder schnelle Wechsel in einem Gespräch schwer verständlich sein. Geräusche, Gerüche, Licht oder Berührungen werden mitunter besonders intensiv oder auch weniger stark wahrgenommen. Manche Kinder brauchen viel Vorhersehbarkeit oder beschäftigen sich sehr intensiv mit bestimmten Interessen.
Das sagt nichts darüber aus, wie liebevoll ein Kind ist. Auch ein Kind, das Blickkontakt hält, gern kuschelt oder gut spricht, kann autistisch sein. Solche einzelnen Beobachtungen dürfen eine sorgfältige Abklärung weder ersetzen noch vorschnell beenden.
Wenn Bedürfnisse nicht gut zusammenpassen
In der Kombination können Anforderungen entstehen, die sich schwer miteinander vereinbaren lassen. Ein Kind möchte zum Beispiel vorher wissen, was als Nächstes geschieht, verliert beim Umsetzen des Plans aber den Überblick. Ein anderes freut sich auf eine gemeinsame Aktivität und ist von den vielen Eindrücken dort rasch erschöpft.
Solche Beispiele sollen mögliche Situationen verständlich machen. Sie sind keine Erkennungszeichen für AuDHS. Reizsuche gehört nicht ausschließlich zu ADHS, Reizempfindlichkeit nicht ausschließlich zu Autismus. Für die Abklärung muss genauer unterschieden werden, was hinter einer Schwierigkeit steht.
Warum eine vorhandene Diagnose manchmal nicht alles erklärt
Eine Autismus- oder ADHS-Diagnose kann vieles verständlicher machen. Wenn Schwierigkeiten bleiben, lohnt es sich, gemeinsam mit der behandelnden Fachperson weiterzuschauen.
Vielleicht hilft ein Tagesplan grundsätzlich, aber der Start in einzelne Aufgaben bleibt sehr mühsam. Vielleicht gelingt das Lernen inzwischen besser, während Gespräche mit anderen Kindern und ungeplante Änderungen weiterhin großen Stress auslösen. Dann darf die Frage gestellt werden, ob neben der bekannten Diagnose noch etwas anderes berücksichtigt werden muss.
Manchmal wird eine Schwierigkeit vorschnell der bereits bekannten Diagnose zugeschrieben. Fachleute müssen deshalb beide Bereiche eigenständig prüfen und auch andere Erklärungen einbeziehen. Dazu zählen etwa Ängste, Schlafprobleme, Lernschwierigkeiten, körperliche Beschwerden oder belastende Erfahrungen. Nicht jede verbleibende Schwierigkeit bedeutet eine zweite Diagnose.
Ihr müsst keine Diagnose beweisen, um mit euren Sorgen ernst genommen zu werden. Beschreibt möglichst konkret, was ihr beobachtet und wo Unterstützung fehlt. Auch wenn sich ein weiterer Verdacht nicht bestätigt, bleiben diese Fragen wichtig.
Warum Belastung nicht überall gleich sichtbar ist
Ein Kind kann in der Schule unauffällig wirken und zu Hause sehr erschöpft sein. Die unterschiedlichen Beobachtungen verdienen Aufmerksamkeit, ohne dass eine Seite die andere entwertet.
Manche Kinder gleichen Schwierigkeiten mit großer Anstrengung aus oder verbergen sie. Dafür werden Begriffe wie Masking oder Camouflaging verwendet. Besonders bei Mädchen besteht das Risiko, dass Autismus übersehen wird; auch Jungen und andere Kinder können ihre Schwierigkeiten verbergen. Fachliche Empfehlungen betonen deshalb, dass ein scheinbar gutes Zurechtkommen genauer betrachtet werden muss.
Unterschiede zwischen Schule und Zuhause können viele Gründe haben: andere Anforderungen, mehr oder weniger Ruhe, vorhersehbare Abläufe, Müdigkeit oder Konflikte. Eure Erfahrungen zu Hause werden dadurch nicht weniger wichtig. Um die Ursachen zu verstehen, braucht es die Beobachtungen aus beiden Lebensbereichen; aus dem Unterschied allein lässt sich keine Diagnose ableiten.
Hilfreicher als die Frage, wer recht hat, ist ein gemeinsamer Blick: Wann wird es schwer? Was hat das Kind vorher bewältigt? Welche Pausen sind möglich? Auch wenn die Leistungen stimmen, darf danach gefragt werden, wie es dem Kind dabei geht.
Wie läuft eine sorgfältige Diagnostik ab?
Am Anfang steht eure konkrete Sorge. In der Kinder- und Jugendarztpraxis könnt ihr besprechen, welche Untersuchung oder Überweisung sinnvoll ist.
Die weiterführende Abklärung kann in spezialisierten kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen, Ambulanzen oder Sozialpädiatrischen Zentren stattfinden. Fragt bei der Anmeldung ausdrücklich nach Erfahrung mit beiden Bereichen. Manche Stellen untersuchen vor allem Autismus oder vor allem ADHS.
Zu einer gründlichen Abklärung können gehören:
- Die Entwicklungsgeschichte: Wie haben sich Sprache, Spiel, Beziehungen, Aufmerksamkeit und Selbstständigkeit seit der frühen Kindheit entwickelt?
- Gespräche mit euch und eurem Kind: Was belastet es selbst? Was gelingt gut? Welche Unterstützung wünscht es sich?
- Beobachtungen aus mehreren Lebensbereichen: Berichte aus Kita oder Schule ergänzen eure Erfahrungen.
- Geeignete Untersuchungen und Fragebögen: Sie helfen bei der Einschätzung, ergeben allein aber noch keine Diagnose.
- Der Blick auf andere Ursachen und Begleiterkrankungen: Dazu können körperliche Untersuchungen sowie die Prüfung von Schlaf, Ängsten oder Lernproblemen gehören.
Nicht jedes Kind benötigt dieselben Tests. Wichtig ist, dass die Ergebnisse zusammen betrachtet werden. Wenn beide Diagnosen vermutet werden, müssen auch beide nachvollziehbar geprüft werden. Ein Online-Test oder ein einzelnes Gespräch reicht dafür nicht aus.
Was ihr für den Termin vorbereiten könnt
Notiert einige typische Situationen: Was geschah vorher, was war für euer Kind schwer und was hat geholfen? Nehmt vorhandene Arztbriefe, Entwicklungsberichte und Schulunterlagen mit. Haltet auch fest, was euer Kind gern macht und gut kann. Falls ihr früher etwas anders eingeschätzt habt, dürft ihr das offen sagen. Ihr müsst eure Familiengeschichte nicht lückenlos erinnern.
Wenn die Wartezeit lang ist, besprecht mit der Kinderarztpraxis, welche Hilfen bereits wegen der konkreten Schwierigkeiten möglich sind. Bei jüngeren Kindern kann zum Beispiel Frühförderung infrage kommen. Angebote und Voraussetzungen unterscheiden sich; eine bestätigte AuDHS-Konstellation ist nicht für jede Unterstützung erforderlich.
Welche Behandlung und Unterstützung können helfen?
Die Hilfe sollte daran ansetzen, was das Kind und seine Familie belastet. Gemeinsam mit den Fachkräften werden passende Ziele und Schritte vereinbart.
Dazu können verständliche Informationen über die Diagnosen, Elternberatung, psychotherapeutische oder pädagogische Unterstützung und Anpassungen in Kita oder Schule gehören. Je nach Bedarf kommen auch Sprachförderung, Unterstützung der Kommunikation oder Ergotherapie infrage. Begleitende Ängste, Depressionen oder Schlafprobleme brauchen ebenfalls Aufmerksamkeit.
Ein hilfreiches Ziel kann sein, dass euer Kind eine Pause mitteilen kann, morgens weniger Stress erlebt oder wieder gern an einer Aktivität teilnimmt. Auch sein eigenes Erleben gehört zur Beurteilung einer Maßnahme. Weniger sichtbare Unruhe allein sagt noch nicht, ob es ihm besser geht.
Welche Rolle spielen Medikamente?
Medikamente können ADHS-Symptome wie ausgeprägte Impulsivität oder Aufmerksamkeitsprobleme lindern. Ob sie sinnvoll sind, hängt unter anderem von Alter, Belastung und den weiteren Hilfen ab. Sie sind ein möglicher Teil einer umfassenden Behandlung. Mögliche Nebenwirkungen, etwa auf Appetit oder Schlaf, müssen regelmäßig überprüft werden.
Autismus schließt eine medikamentöse ADHS-Behandlung nicht grundsätzlich aus. Die britische Leitlinienorganisation NICE empfiehlt bei gleichzeitigem Autismus unter anderem eine langsamere Dosiseinstellung und häufigere Kontrollen. Die Auswahl und Anpassung gehören in fachärztliche Hände. Eine spezielle Tablette, die die gesamte AuDHS-Konstellation behandelt, gibt es nicht.
Autismus selbst wird durch Medikamente nicht beseitigt. Behandelt werden können jedoch bestimmte zusätzliche Beschwerden oder Begleiterkrankungen. Wenn euer Kind Medikamente erhält und ihr Veränderungen beobachtet, besprecht diese mit der behandelnden Praxis, bevor ihr etwas an der Einnahme ändert.
Was euren Familienalltag erleichtern kann
Ihr müsst nicht alle Abläufe gleichzeitig verändern. Ein kleiner, gemeinsam ausgewählter Schritt lässt sich oft besser erproben als ein neuer Plan für den ganzen Tag.
Die folgenden Ideen sind Möglichkeiten zum Ausprobieren. Beobachtet mit eurem Kind, was hilft und was zusätzlichen Druck erzeugt. Anpassungen sollen den Alltag zugänglicher machen und dürfen zu eurer Familie passen.
Übergänge überschaubar machen
Wählt zunächst einen Wechsel, der häufig schwerfällt, etwa vom Spielen zum Anziehen. Vielleicht hilft eine Bildfolge, ein angekündigtes Ende oder ein vertrauter Gegenstand für unterwegs. Eine kurze Ansage wie „Nach diesem Spielzug ziehen wir die Schuhe an“ ist greifbarer als eine unbestimmte Aufforderung, sich langsam fertig zu machen.
Wenn Zeitangaben oder Timer euer Kind eher unter Druck setzen, braucht ihr eine andere Lösung. Vertraute Rituale können Orientierung geben. Sie sollten aber veränderbar bleiben, wenn sie euch nicht mehr helfen.
Aufgaben gemeinsam beginnen
Statt mehrere Aufträge hintereinander zu nennen, könnt ihr einen Schritt sichtbar machen und beim Anfang unterstützen: „Wir legen zuerst das Matheheft auf den Tisch.“ Danach schaut ihr gemeinsam weiter. Ob Bilder, eine kurze Liste oder eine Erinnerung hilfreicher sind, hängt vom Alter und den Vorlieben eures Kindes ab.
Fragt auch, wie eure Hilfe ankommt. Ein älteres Kind möchte vielleicht selbst eine Liste abhaken und euch erst rufen, wenn es feststeckt. Unterstützung darf mit wachsender Selbstständigkeit anders aussehen.
Reize und Erholung mitdenken
Ein ruhiger Platz, weniger grelles Licht oder Kopfhörer können manche Situationen erleichtern. Andere Kinder brauchen zunächst Bewegung. Ein kurzes gemeinsames Ausprobieren ist hilfreicher als die Annahme, dass Rückzug oder Toben immer die richtige Antwort sei. Auch sichere, wiederholte Bewegungen zur Beruhigung müssen nicht unterbunden werden, nur weil sie ungewohnt aussehen.
Nach der Schule könnt ihr prüfen, ob vor Gesprächen und Hausaufgaben erst eine Pause möglich ist. Wie diese aussieht, dürft ihr mit eurem Kind entwickeln. Vielleicht braucht es Ruhe allein, vielleicht Nähe ohne Fragen. Erholung sollte kein Preis sein, den es sich erst durch Leistung verdienen muss.
Den Abend entlasten
Wenn das Zubettgehen schwierig ist, lohnt sich ein Blick auf den gesamten Abend: Wie dicht folgen Termine, Essen, Körperpflege und Schlafenszeit aufeinander? Ein vertrauter Ablauf oder ein passendes Einschlafritual kann helfen. Anhaltende Schlafprobleme solltet ihr trotzdem ärztlich besprechen; mehr Konsequenz allein löst nicht jede Ursache.
Raum für Freude und eigene Interessen lassen
Zwischen Terminen und Alltagshilfen braucht euer Kind auch Zeit für Dinge, die es einfach gern macht. Vielleicht zeichnet es, erzählt über sein Lieblingsthema, bewegt sich gern oder mag es, mit euch still zusammenzusitzen. Solche Momente müssen nicht nebenbei eine Übung oder Förderung sein.
Fragt, wobei es sich wohlfühlt und was es selbst ausprobieren möchte. Seine Fähigkeiten dürfen sichtbar werden, ohne dass es besondere Leistungen zeigen muss, um Anerkennung zu bekommen. Das gilt auch für Zeiten, in denen vieles schwerfällt.
Ein schlechter Tag widerlegt nicht eure Mühe. Bedürfnisse und Belastbarkeit können sich verändern. Wenn eine Idee nicht hilft, dürft ihr sie anpassen, Unterstützung holen oder zunächst bei einem kleineren Schritt bleiben.
Wenn die Überforderung sehr groß wird
Manchmal ist ein Kind so überwältigt, dass es sein Verhalten vorübergehend nicht mehr steuern kann. Dann braucht es zunächst Sicherheit und Entlastung.
Ein solcher Zustand wird häufig als Meltdown bezeichnet. Er kann mit Weinen, Schreien oder heftigen Bewegungen einhergehen. Starke Überforderung kann sich auch durch Verstummen oder Rückzug zeigen; dafür wird häufig der Begriff Shutdown verwendet. Ein Meltdown ist kein bewusst eingesetztes Mittel, um etwas durchzusetzen. Nicht jeder Wutausbruch ist allerdings ein Meltdown; die Begriffe allein erklären eine Situation noch nicht.
In einer akuten Überforderungssituation kann helfen:
- Sorgt möglichst für Sicherheit und reduziert Lärm, Zuschauer und zusätzliche Anforderungen.
- Sprecht wenig und in kurzen, ruhigen Sätzen. Lasst Zeit für eine Reaktion.
- Bietet Nähe an, wenn sie willkommen ist. Berührung oder Umarmungen können auch zu viel sein.
- Verschiebt Erklärungen, Verhandlungen und die Suche nach Lösungen auf später.
- Gebt nach der Situation Raum für Erholung. Ein Gespräch darüber ist erst sinnvoll, wenn euer Kind wieder dazu bereit ist.
Wenn solche Situationen häufig auftreten, ihr Verletzungen befürchtet oder euch hilflos fühlt, braucht ihr einen gemeinsam mit Fachkräften erarbeiteten Plan. Ihr müsst das nicht allein auffangen. Bei unmittelbarer Gefahr ist sofortige Hilfe vor Ort nötig.
Kita und Schule müssen Teil der Unterstützung sein
Ein Kind braucht auch außerhalb der Familie passende Bedingungen. Eltern können fehlende Unterstützung im Bildungsalltag nicht allein ausgleichen.
Für ein Gespräch mit Kita oder Schule könnt ihr zwei oder drei besonders belastende Situationen auswählen und konkrete Anpassungen vereinbaren. Wer hilft beim Übergang? Wo ist eine Pause möglich? Wie werden Aufgaben erklärt? Und wer ist die verlässliche Ansprechperson, wenn es zu viel wird?
Haltet gemeinsam fest, was ausprobiert wird und wann ihr darüber sprecht, ob es hilft. Beteiligt euer Kind so, dass es seine Sicht mitteilen kann, ohne sich vor allen rechtfertigen zu müssen. Auch die Frage, wie Teilhabe ohne ständige Überforderung gelingt, gehört dazu. Je nach Bedarf und Voraussetzungen kommen zusätzliche Hilfen infrage; die Möglichkeiten könnt ihr mit Schule, behandelnden Fachkräften und einer unabhängigen Beratungsstelle klären.
Wenn schon die Vorbereitung auf den Schulstart bei ADHS Fragen aufwirft, sollte ebenfalls die individuelle Entwicklung im Mittelpunkt stehen. Eine Diagnose allein entscheidet nicht darüber, wann und unter welchen Bedingungen ein Kind gut lernen kann.
Auch Eltern brauchen Entlastung
Es kann sehr anstrengend sein, Bedürfnisse zu verstehen, Termine zu organisieren und immer wieder um passende Hilfe zu bitten. Dass euch dabei die Kraft ausgeht, ist ein Grund, Unterstützung zu suchen.
Vielleicht hört ihr gut gemeinte Ratschläge, die an eurem Alltag vorbeigehen. Oder ihr zweifelt an euch, weil ein anderer Umgang angeblich alles leichter machen müsste. Elternberatung sollte solche Belastungen ernst nehmen und mit euch umsetzbare Wege suchen. Sie darf nicht voraussetzen, dass ihr dauerhaft geduldig, ausgeruht und jederzeit verfügbar seid.
Entlastung darf konkret werden: Kann jemand einen Termin begleiten, regelmäßig ein Geschwisterkind übernehmen oder einen festen Teil des Haushalts abnehmen? Gibt es eine Beratungsstelle, die euch bei Anträgen unterstützt? Auch Geschwister brauchen Raum für ihre Gefühle, ohne in eine Helferrolle zu geraten.
Wenn Erschöpfung, Schlafprobleme oder körperliche Beschwerden anhalten, gehört auch eure eigene Gesundheit in ärztliche Hände. Je nach Situation kann eine Mutter-Kind- oder Vater-Kind-Kur eine Möglichkeit sein. Ob eine Einrichtung den Bedürfnissen eures Kindes gerecht werden kann, sollte vorab sorgfältig geklärt werden.
Wenn ihr euch selbst in den Beschreibungen wiedererkennt
Die Beschäftigung mit dem eigenen Kind kann auch Fragen zur eigenen Entwicklung aufwerfen. Ihr dürft diesen Fragen nachgehen, ohne euch vorschnell festlegen zu müssen.
ADHS wird bei manchen Menschen erst im Erwachsenenalter erkannt. Auch Autismus kann lange unbemerkt bleiben. Bei der Abklärung geht es dann unter anderem darum, welche Merkmale bereits in der Kindheit bestanden und welche Auswirkungen sie heute haben. Aktuelle Erschöpfung allein reicht nicht für eine solche Diagnose.
Eine hausärztliche Praxis oder eine auf Autismus beziehungsweise ADHS spezialisierte psychiatrische oder psychotherapeutische Stelle kann euch beim nächsten Schritt helfen. Die Diagnose eures Kindes bedeutet nicht automatisch, dass ihr dieselbe habt. Und eigene Schwierigkeiten nehmen eurer Beobachtung als Mutter oder Vater nicht ihren Wert.
Hilfreiche Unterstützung sollte euch ermöglichen, euer Kind besser zu verstehen und zugleich auf eure eigenen Grenzen zu achten. Ihr müsst nicht auf jede Frage sofort eine Antwort haben. Entscheidend ist, dass die Bedürfnisse aller Familienmitglieder ernst genommen werden und ihr passende Hilfe bekommt.
Häufige Fragen zu AuDHS
Hilfe und Austausch finden
Für eine erste medizinische Einschätzung könnt ihr euch an eure Kinder- und Jugendarztpraxis wenden. Für die weitere Abklärung fragt nach spezialisierten Angeboten mit Erfahrung in Autismus und ADHS.
Beratung und Austausch bieten außerdem:
Quellen und fachliche Grundlagen
- Young et al.: Empfehlungen zur gemeinsamen Diagnostik und Behandlung von Autismus und ADHS (BMC Medicine, 2020)
- Rong et al.: Häufigkeit von ADHS bei Menschen im Autismus-Spektrum, Metaanalyse (2021)
- IQWiG: Autismus – Merkmale, Ursachen und Verlauf
- IQWiG: Wie wird ADHS festgestellt?
- NICE: Autismus bei Kindern und Jugendlichen erkennen und diagnostizieren, CG128
- IQWiG: Wie wird Autismus festgestellt?
- IQWiG: Was kann Kindern und Jugendlichen mit ADHS helfen?
- IQWiG: Wie wird Autismus behandelt?
- NICE: ADHS – Diagnostik und Behandlung, NG87
- NHS: Autistische Kinder im Alltag unterstützen
- Sheffield Children’s NHS: Begleitung bei einem Meltdown
- IQWiG: Den Alltag mit ADHS bewältigen – Informationen für Eltern
- IQWiG: ADHS bei Erwachsenen
- BfArM: Stand der Einführung der ICD-11 in Deutschland
- CDC: ADHS – Grundlagen, Ursachen und Diagnostik
- IQWiG: Wer hilft bei Autismus? – Wegweiser durch die Versorgung
- Leicestershire Partnership NHS Trust: Meltdowns und Shutdowns verstehen
Recherchestand: 23. Oktober 2026. Die Informationen geben einen allgemeinen Überblick und ersetzen keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.
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