Zum Inhalt springen
Startseite » Beitragsarchiv » Gesundheit » Wie eine Mutter durch die Flut fuhr und ihr Baby rettete

Wie eine Mutter durch die Flut fuhr und ihr Baby rettete

Wie eine Mutter durch die Flut fuhr und ihr Baby rettete

In der Nacht der Hochwasserkatastrophe 2021 in Erftstadt wurde das Leben von Tanja und ihrer Familie auf den Kopf gestellt. Während die Rettungskräfte durch die Flut massiv gefordert waren, bemerkte Tanja bei ihrer knapp zwei Monate alten Tochter Katharina besorgniserregende Symptome. Was zunächst wie eine harmlose Verstimmung wirkte, stellte sich schnell als lebensbedrohliche Meningokokken-Meningitis heraus. In unserem Interview blickt Tanja auf eine Nacht zurück, in der sie von medizinischer Versorgung abgeschnitten war und ihr mütterlicher Instinkt und ihr schnelles Handeln am Ende entscheidend waren.

Tanja, deine Tochter Katharina war keine zwei Monate alt, als sie am Abend der Flutkatastrophe plötzlich sehr krank wurde. Wie hast du in dieser chaotischen Nacht gemerkt, dass mit Katharina etwas nicht stimmte? Wann wurde dir klar, dass es sich um eine lebensbedrohliche Situation handelte?

Tanja: Katharina war schon am Vortag etwas kränklich, aber ich dachte zunächst an einen gewöhnlichen Infekt. Erst am Abend der Flutnacht bemerkte ich erschrocken, dass sie völlig apathisch war. Ich legte sie auf den Wickeltisch, um sie genauer anzuschauen, und da passierte es: Sie verdrehte die Augen und krampfte. Als ich sie auf den Arm nahm, wurde sie bewusstlos. In diesem Moment blieb mir fast das Herz stehen. Mir wurde schlagartig klar: Hier stimmt etwas ganz und gar nicht, das ist kein normaler Infekt.

Du hast in dieser Notlage die 112 gewählt. Was ging dir durch den Kopf, als man dir am Telefon sagte, dass aufgrund der Flut weder ein Rettungswagen noch ein Hubschrauber geschickt werden kann?

Tanja: Das war unfassbar. Man sagte mir, wegen der Wassermassen komme kein Rettungswagen und kein Hubschrauber zu uns durch; man wünschte mir „viel Glück“ und legte auf. Ich war verzweifelt, aber dieses „Nein“ wollte und konnte ich nicht akzeptieren. In mir erwachte eine Art Löwenmutterinstinkt. Die Option „Abwarten“ gab es für mich nicht. Katharina musste an diesem Abend ins Krankenhaus, koste es, was es wolle. Deshalb habe ich sofort entschieden: Wir fahren selbst. Ich habe meinen Mann und meine ältere Tochter ins Auto gepackt und wir sind einfach losgefahren, mitten durch das Chaos.

Eine Entscheidung, die deiner Tochter vermutlich das Leben gerettet hat. Wie verlief die Fahrt ins Krankenhaus und die Ankunft dort?

Tanja: Die Fahrt war der reinste Horror. Wir brauchten eineinhalb Stunden statt wie gewöhnlich 20 Minuten. Unterwegs habe ich noch einer Frau geholfen, die durch das Wasser eingesperrt war. Dabei wurde ich selbst vom Wasser mitgerissen, was meine ältere Tochter mitansehen musste. Das war eine traumatische Erfahrung, wegen der wir noch heute in therapeutischer Behandlung sind. Im Krankenhaus bekamen wir dann direkt ein Zimmer, Katharina wurde isoliert und sofort mit Antibiotika behandelt.

Wann haben die Ärzte diagnostiziert, dass es eine Meningokokken-Meningitis ist, und wie verliefen die nächsten Tage?

Tanja: Die Nacht war ein einziger Kampf, ein Hoffen und Bangen. Am Morgen gab es die erste Lumbalpunktion. Das Ergebnis zeigte zunächst Viren. Am Mittag wurde noch einmal punktiert. Diesmal wurden zusätzlich Meningokokken-Bakterien nachgewiesen. Es war eine seltene Mischform. Ab da mussten wir einfach abwarten und konnten nichts anderes tun, als um Katharina zu bangen, während sie behandelt wurde – niemand wusste, ob sie es schaffen würde. Nach vier Tagen konnten die Ärzte und Ärztinnen uns endlich sagen, dass Katharina überleben wird.

Wie hat Katharina die Erkrankung überstanden? Gibt es Folgen?

Tanja: Zum Glück wurde die Erkrankung schnell entdeckt und behandelt. Aber natürlich war es lange unklar, ob das Kind neurologische Schäden davongetragen hat. Heute können wir sagen: Es geht Katharina gut. Es gab eine leichte Entwicklungsverzögerung — sie lief etwas später und hat noch leichte Sprachprobleme. Wir sind sehr dankbar, dass es Katharina sonst aber sehr gut geht. Emotional ist diese Erfahrung allerdings für uns alle noch immer spürbar.

Was möchtest du anderen Eltern nach dieser traumatischen Erfahrung mit auf den Weg geben?

Tanja: Vertraut eurem Bauchgefühl! Wenn ihr merkt, dass euer Kind sich untypisch verhält oder wesensverändert wirkt, zögert nicht, aktiv zu werden. Manchmal kommt es auf wenige Minuten an. Informiert euch frühzeitig über Schutzmöglichkeiten und Impfungen gegen Meningokokken. Seid wachsam und kämpft für eure Kinder, wenn es darauf ankommt.

Vielen Dank, liebe Tanja, dass du deine bewegende Geschichte mit uns geteilt hast und dabei hilfst, über Meningokokken aufzuklären.

Weitere Informationen unter: www.meningitis-bewegt.de.

Lesetipp der Redaktion

Tanja erzählt ihre Geschichte auch im bereits veröffentlichten Videointerview mit Kinderarzt Dr. Stephan von Landwüst.

Hintergründe zu Symptomen, Ansteckung und Impfungen gegen Meningokokken findet ihr in unserem Ratgeber.

Auch Stefanie berichtet im Videointerview von ihrer Meningokokken-Sepsis als Kleinkind und davon, wie ihre Mutter und ein Arzt ihr halfen.

Wir hoffen sehr, dass dir unser Artikel gefallen hat. Vielleicht hat er dir geholfen, eine Frage zu beantworten. Oder er hat dich nachdenklich, traurig oder fröhlich gestimmt. Wir freuen uns jederzeit über deine Rückmeldung oder Anregung per Kommentar, Email oder Social-Media. Gerne kannst du uns auf Facebook, Pinterest oder Flipboard folgen. Wir freuen uns auch dich! 🤗

Wichtiger Hinweis zu Gesundheits-Themen:

Wir recherchieren und prüfen unsere Beiträge intensiv und sorgfältig. Dabei nutzen wir ausschließlich vertrauenswürdige Quellen. Trotzdem seid euch bitte bewusst, dass letztlich weder gute Ratschläge oder Informationen, eine Betreuung durch medizinisches Fachpersonal ersetzen können. In akuten medizinischen Situationen, oder bei Verdacht darauf, wendet euch bitte an einen Arzt / eine Ärztin, an eure Hebamme / euren Entbindungspfleger, oder an eure Apothekerin / euren Apotheker des Vertrauens, damit man euch ganz individuell unterstützen kann.

Gastartikel
Wer hat’s geschrieben?

Gastartikel

Ihr lest hier einen Gastartikel. Er wurde lediglich von uns veröffentlicht - jedoch nicht von unserem Autorenteam verfasst.
Im Gespräch

Was denkst du darüber?

Teile deine Gedanken, Erfahrungen oder Fragen mit uns. Wir freuen uns, von dir zu lesen.

Deine Gedanken zum Beitrag

Deine E-Mail-Adresse bleibt privat. Mit * markierte Felder sind erforderlich.

Wir lesen mit und schalten Kommentare nach Prüfung frei.

Noch ist es hier still. Mach den Anfang – wir freuen uns auf deine Gedanken.

Verschiedene Erfahrungen. Ein respektvoller Austausch.

Nach oben scrollen