Die neuen PISA-Ergebnisse tun weh: Deutschlands 15-Jährige schneiden beim Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften so schwach ab, wie noch nie seit Beginn der Studie. Beim Lesen und Rechnen liegen ihre Leistungen inzwischen sogar deutlich unter den Ergebnissen des ersten PISA-Schocks aus dem Jahr 2000.
Doch die Zahlen erzählen keine Geschichte von einer angeblich faulen oder „verlorenen“ Jugend. Sie zeigen vor allem ein Bildungssystem, das zu viele Kinder zurücklässt – und in dem die Herkunft noch stärker über den Schulerfolg entscheidet, als früher.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Beim Lesen erreicht Deutschland 465 Punkte, in Mathematik 464 und in den Naturwissenschaften 486 Punkte.
- Rund jeder dritte Jugendliche scheitert beim Lesen oder Rechnen bereits an grundlegenden Aufgaben.
- Etwa jeder fünfte 15-Jährige verfehlt den Mindeststandard in allen drei Bereichen.
- Besonders stark sind die Leistungen seit den PISA-Höchstständen der Jahre 2012 und 2015 gesunken.
- Die soziale Herkunft beeinflusst den Bildungserfolg in Deutschland stärker, als in fast allen anderen untersuchten OECD-Staaten.
Ist PISA 2025 wirklich schlimmer als der erste PISA-Schock?
Die kurze Antwort lautet: In Lesen und Mathematik ja.
Die erste PISA-Studie löste im Jahr 2001 eine heftige und lang anhaltende Debatte aus. Damals wurde erstmals so deutlich sichtbar, dass Deutschland international hinterherhinkte und der Bildungserfolg außergewöhnlich eng mit dem Elternhaus zusammenhing.
25 Jahre später sehen die Ergebnisse so aus:
| Bereich | PISA 2000 | Bester deutscher Wert | PISA 2022 | PISA 2025 |
|---|---|---|---|---|
| Lesen | 484 | 509 (2015) | 480 | 465 |
| Mathematik | 490 | 514 (2012) | 475 | 464 |
| Naturwissenschaften | 487 | 524 (2012) | 492 | 486 |
Beim Lesen liegt Deutschland heute 19 Punkte unter dem Ergebnis von 2000, in Mathematik sind es sogar 26 Punkte. Als sehr grobe Orientierung gelten rund 20 PISA-Punkte als Lernfortschritt, den Jugendliche durchschnittlich innerhalb eines Schuljahres erzielen. Der Rückstand gegenüber dem ersten PISA-Test entspricht in diesen Bereichen also ungefähr einem, bis etwas mehr als einem, Schuljahr.
In den Naturwissenschaften fällt der Vergleich weniger dramatisch aus. Mit 486 Punkten liegt das aktuelle Ergebnis praktisch auf dem Niveau von 2000. Der Rückgang gegenüber 2022 ist hier außerdem statistisch nicht eindeutig.
Trotzdem gilt: In allen drei Bereichen sind die aktuellen deutschen Punktwerte die niedrigsten, die seit Beginn der PISA-Studien gemessen wurden. Das bestätigt auch das für Deutschland verantwortliche PISA-Team der Technischen Universität München.
Und warum liegt Deutschland trotzdem ungefähr im OECD-Mittelfeld?
Das klingt zunächst widersprüchlich: Die Ergebnisse sind schlechter, als beim ersten PISA-Schock – und gleichzeitig liegt Deutschland ungefähr im OECD-Durchschnitt.
Der Grund ist ziemlich ernüchternd. Nicht nur Deutschland hat verloren. Auch die durchschnittlichen Leistungen in den anderen OECD-Staaten sind gesunken.
Deutschland liegt 2025 in den Naturwissenschaften mit 486 Punkten knapp über dem OECD-Mittel von 482 Punkten. Beim Lesen stehen 465 deutsche Punkte einem OECD-Durchschnitt von 461 Punkten gegenüber, in Mathematik sind es 464 zu 463 Punkte.
Beim ersten PISA-Test im Jahr 2000 lag Deutschland dagegen in allen drei Bereichen deutlich unter dem damaligen OECD-Mittel von jeweils etwa 500 Punkten.
Mit anderen Worten: Deutschland steht heute im internationalen Vergleich etwas weniger schlecht da, als beim ersten PISA-Schock. Die tatsächlichen Fähigkeiten der Jugendlichen sind beim Lesen und Rechnen aber trotzdem noch einmal schwächer als damals.
Wir sind also nicht deshalb näher an den anderen Ländern, weil wir so gut aufgeholt hätten, sondern auch deshalb, weil viele andere ebenfalls abgerutscht sind.
Jeder dritte Jugendliche hat große Schwierigkeiten mit den Grundlagen
Besonders alarmierend ist nicht nur der gesunkene Durchschnitt. Es ist vor allem die große Zahl der Jugendlichen, denen wichtige Basiskompetenzen fehlen.
Bei PISA 2025 erreichen:
- 32 Prozent beim Lesen nicht den Mindeststandard,
- 34 Prozent in Mathematik nicht den Mindeststandard,
- 27 Prozent in den Naturwissenschaften nicht den Mindeststandard.
Diese Jugendlichen können zwar häufig einzelne Informationen erkennen oder einfache Aufgaben lösen. Sobald sie Texte einordnen, Zusammenhänge herstellen, oder ihr Wissen auf eine etwas unbekanntere Situation übertragen müssen, wird es jedoch schwierig.
Etwa jeder fünfte Jugendliche bleibt sogar in allen drei Bereichen unter dem Mindestniveau. Das kann später nicht nur die Suche nach einem Ausbildungsplatz erschweren.
Es betrifft auch ganz alltägliche Dinge: einen Vertrag verstehen, eine Rechnung prüfen, Gesundheitsinformationen einordnen oder politische Behauptungen hinterfragen.
Gleichzeitig wird auch die Spitzengruppe kleiner
Das Problem betrifft nicht allein die leistungsschwächeren Jugendlichen. Deutschland bringt auch immer weniger besonders starke Schülerinnen und Schüler hervor.
Beim Lesen gehören nur noch sieben Prozent zur höchsten Kompetenzgruppe. 2015 waren es noch zwölf Prozent. In Mathematik erreichen acht Prozent, in den Naturwissenschaften neun Prozent besonders hohe Leistungen. Lediglich drei Prozent zählen in allen drei Bereichen zur Leistungsspitze.
Das ist für ein Land, das dringend gut ausgebildete Fachkräfte, Forschende, Lehrkräfte, Ärztinnen, Ingenieure und kreative Problemlöser braucht, definitiv keine kleine Randnotiz.
Die größte Bildungslücke verläuft zwischen arm und reich
Der vielleicht bitterste Befund der neuen Studie hat wenig mit Intelligenz und sehr viel mit den Startbedingungen eines Kindes zu tun.
Zwischen Jugendlichen aus sozial privilegierten und benachteiligten Familien liegen in den Naturwissenschaften ganze 125 PISA-Punkte. Im OECD-Durchschnitt beträgt diese Lücke 85 Punkte.
Nur zwei Prozent der sozial benachteiligten Jugendlichen schaffen es in die naturwissenschaftliche Spitzengruppe. Bei Gleichaltrigen aus privilegierten Familien sind es 25 Prozent.
Auch zwischen den Schularten klafft eine gewaltige Lücke. Beim Lesen erreichen an Gymnasien etwa fünf Prozent der Jugendlichen den Mindeststandard nicht. An nichtgymnasialen Schulen sind es 43 Prozent. In Mathematik stehen sechs Prozent an Gymnasien rund 47 Prozent an den übrigen Schularten gegenüber.
Natürlich sagen solche Durchschnittswerte nichts über das einzelne Kind aus. Sie zeigen aber sehr deutlich: Bildungschancen sind in Deutschland nach wie vor extrem ungleich verteilt. Wer in einer Familie mit Geld, Zeit, Büchern, einem ruhigen Arbeitsplatz und gut ausgebildeten Eltern aufwächst, hat statistisch einen erheblichen Vorsprung.
Das ist kein Vorwurf an Eltern. Es ist ein Auftrag an das Bildungssystem. Schule müsste unterschiedliche Startbedingungen ausgleichen. Genau das gelingt offenbar immer schlechter.
Ist die Migration schuld? So einfach ist es nicht
29 Prozent der getesteten Jugendlichen haben nach der PISA-Definition eine Einwanderungsgeschichte. Zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund bestehen auf den ersten Blick deutliche Leistungsunterschiede.
Werden allerdings die soziale Lage der Familie, die zu Hause gesprochene Sprache und weitere persönliche Voraussetzungen berücksichtigt, schrumpfen diese Abstände stark. PISA-Studienleiter Samuel Greiff warnt deshalb davor, Migration zur einfachen Erklärung für die schlechten Ergebnisse zu machen.
Die entscheidendere Trennlinie verläuft zwischen sozial privilegierten und benachteiligten Kindern. Viele neu zugewanderte Jugendliche müssen zusätzlich eine neue Sprache lernen, leben häufiger in finanziell belasteten Familien und besuchen besonders oft Schulen, an denen ohnehin Personal, Zeit und Unterstützung fehlen.
Wer nur auf die Herkunft schaut, übersieht deshalb einen großen Teil des darunter liegenden Problems.
Corona kann den Absturz ebenfalls nicht allein erklären
Die Schulschließungen während der Pandemie haben Lernlücken hinterlassen. Allerdings begann der deutsche Abwärtstrend bereits um das Jahr 2015 – also lange vor Corona.
Andere Staaten waren ebenfalls von der Pandemie betroffen und konnten ihre Leistungen inzwischen stabilisieren oder sogar verbessern. Corona hat vorhandene Probleme wahrscheinlich verschärft. Als alleinige Erklärung taugt die Pandemie aber nicht.
Nach den ersten PISA-Ergebnissen hatte Deutschland durchaus wirksame Reformen angestoßen. Zwischen 2000 und den Jahren 2012 beziehungsweise 2015 stiegen die Leistungen deutlich. Danach ging allerdings irgendwo der Schwung verloren. Viele Programme blieben klein, zeitlich befristet oder auf einzelne Regionen beschränkt.
Die neue Studie zeigt deshalb auch: Verbesserungen sind möglich. Sie müssen allerdings langfristig verfolgt werden und dürfen nicht mit dem nächsten Regierungswechsel wieder verschwinden. Bildung darf kein Luxusproblem sein.
Welche Rolle spielen Smartphones und KI?
Digitale Ablenkung ist ein Teil der Geschichte, aber auch hier lohnt sich ein genauer Blick.
Ein Drittel der Jugendlichen berichtet, dass Mitschülerinnen und Mitschüler in den meisten oder sogar allen naturwissenschaftlichen Unterrichtsstunden durch digitale Geräte abgelenkt seien. Diese Jugendlichen erzielen im Durchschnitt acht Punkte weniger.
An Schulen mit Handyverboten wird deutlich seltener von solchen Störungen berichtet. Das beweist zwar noch nicht, dass ein Verbot automatisch zu besseren Leistungen führt. Es zeigt aber, wie wichtig klare Regeln und konzentrierte Lernzeiten sind.
Gleichzeitig gehören digitale Medien längst zum Lernen. Rund die Hälfte der Jugendlichen nutzt mindestens einmal pro Woche einen KI-Chatbot für schulische Aufgaben. KI kann Texte erklären, Übungsaufgaben erstellen und beim Lernen unterstützen. Sie kann aber auch dazu verleiten, Antworten zu übernehmen, ohne sie wirklich verstanden zu haben.
Ein pauschales „Handys raus und alles wird gut“ greift deshalb ziemlich sicher zu kurz. Kinder und Jugendliche brauchen sowohl geschützte Zeiten ohne Ablenkung, als auch einen klugen und kritischen Umgang mit digitalen Werkzeugen.
Wie ihr eure Kinder in sozialen Netzwerken begleiten könnt, lest ihr auch in unserem Ratgeber über mehr Sicherheit in sozialen Medien.
Unsere Jugendlichen sind keine „Null-Bock-Generation“
Bei all den alarmierenden Zahlen gibt es auch Ergebnisse, über die deutlich weniger gesprochen wird.
Drei Viertel der Jugendlichen fühlen sich ihrer Schule zugehörig. Eine Mehrheit beschreibt sich als neugierig und ausdauernd. Das Interesse an naturwissenschaftlichen Themen ist sogar gestiegen. Beim digitalen, modellbasierten Problemlösen liegt Deutschland ungefähr im OECD-Durchschnitt.
Gleichzeitig sagt allerdings ein Drittel, die Schule sei Zeitverschwendung. Rund 31 Prozent erleben mindestens einmal im Monat Mobbing – deutlich mehr als im OECD-Durchschnitt.
Das lässt vermuten: Vielen Jugendlichen fehlt nicht grundsätzlich die Lust am Lernen. Häufig fehlt ihnen ein Umfeld, in dem sie sich sicher fühlen, individuell unterstützt werden – und erleben, dass Anstrengung tatsächlich etwas bewirkt.
Was jetzt passieren müsste
In den Reaktionen auf die neuen Ergebnisse herrscht bei einem Punkt erstaunlich viel Einigkeit: Förderung muss wesentlich früher beginnen.
PISA-Studienleiter Samuel Greiff fordert Sprach- und Entwicklungsdiagnostik bereits im Alter von zwei oder drei Jahren. Wird dabei ein Unterstützungsbedarf festgestellt, müsse daraus eine verbindliche Förderung folgen. Nicht erst in der dritten oder vierten Klasse, wenn sich erste Schwierigkeiten längst zu großen Lernlücken entwickelt haben.
Hinzu kommen mehrere Forderungen, die sich durch fast alle aktuellen Stellungnahmen ziehen:
- regelmäßige, kurze Lernstandschecks, die nicht benotet werden, sondern zeigen, wo ein Kind Unterstützung braucht,
- mehr Personal und multiprofessionelle Teams an besonders belasteten Schulen,
- zusätzliche Zeit für Lesen, Schreiben und Mathematik,
- gezielte Sprachförderung schon in Kita und Vorschule,
- Fortbildungen und gemeinsamer Austausch für Lehrkräfte,
- klare Regeln für Smartphones und digitale Ablenkung,
- langfristige Programme statt ständig neuer, kleiner Modellprojekte.
Bundesbildungsministerin Karin Prien bezeichnet die Ergebnisse als dramatisch, betont aber, dass mit dem Startchancen-Programm und geplanten Maßnahmen zur frühen Förderung, bereits ein gemeinsamer Weg eingeschlagen worden sei. Entscheidend wird sein, ob diese Angebote die Kinder wirklich erreichen – und ob sie über viele Jahre verlässlich finanziert werden. Das Bundesbildungsministerium fasst seine Schwerpunkte hier zusammen.
NRW-Schulministerin Dorothee Feller nennt die Leistungen „erschreckend schwach“. Nordrhein-Westfalen setzt unter anderem auf drei feste 20-minütige Lesezeiten pro Woche, zusätzliche Deutsch- und Mathematikstunden in der Grundschule, Lernstandserhebungen in Klasse fünf, sowie mehr Unterstützung für Schulen in schwierigen Lagen. Die Maßnahmen sind Teil des Schulkompasses NRW 2030.
Beim Lesen können auch kleine Rituale viel bewirken
Die Stiftung Lesen fordert angesichts der neuen Ergebnisse unter anderem tägliches Vorlesen, verbindliche Sprachförderung und mehr feste Lesezeit in den Schulen. Schon zehn Minuten gemeinsames Lesen am Tag könnten helfen, Sprache, Wortschatz und Lesefreude zu stärken.
Dabei muss es nicht immer der pädagogisch wertvolle Kinderbuchklassiker sein. Comics, Mangas, Zeitschriften, Fußballbücher, Tiergeschichten oder Texte über das Lieblingsspiel, sind genauso erlaubt. Entscheidend ist, dass Kinder einen Zugang finden, der zu ihnen passt.
Und ganz wichtig: Lesen sollte möglichst nicht als Strafe oder Pflichtübung inszeniert werden. Druck verwandelt selbst die spannendste Geschichte erstaunlich schnell in Hausaufgaben.
Wenn ihr jüngere Kinder spielerisch für Geschichten begeistern möchtet, findet ihr bei uns sieben praktische Tipps fürs gemeinsame Vorlesen. Für Schulkinder kann außerdem das digitale Leseförderprogramm Antolin interessant sein.
All das kann unterstützen. Die Verantwortung für die Bildungskrise darf aber nicht einfach platt bei den Familien abgeladen werden. Eltern können vorlesen, motivieren und begleiten. Sie können aber weder fehlende Lehrkräfte ersetzen, noch überfüllte Klassen verkleinern, oder strukturelle Bildungsarmut beheben. All das ist Aufgabe von Politik und Schule.
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