Eine Ente mit Tigerstreifen und Rädern. Zwei Freunde, die wegen einer Bananenkiste auf Weltreise gehen. Janosch konnte aus ziemlich wenig eine ganze Welt machen. Eine, in der es gemütlich zuging, gelegentlich reichlich schräg – und manchmal überraschend finster. Am 3. November 2026 ist der Schriftsteller und Zeichner, der eigentlich Horst Eckert hieß, mit 95 Jahren auf Teneriffa gestorben. Seine Geschichten bleiben bei uns. Zwischen Buchdeckeln, in Kindheitserinnerungen und beim Vorlesen auf dem Sofa.
Vielleicht liegt bei euch noch eines dieser Bücher. Ein bisschen abgegriffen, mit einem Knick im Einband. Vielleicht habt ihr euren eigenen Kindern schon längst daraus vorgelesen und dabei gemerkt, wie vertraut sich Tiger und Bär noch immer anfühlen. Als hätten sie die ganze Zeit auf euch gewartet.
Dabei steckt in diesen Geschichten auch beim Wiederlesen etwas, das man früher überhört hat. Eine Frechheit. Ein trauriger Gedanke. Ein ziemlich böser Witz. Janosch hatte seinen kleinen und großen Lesern einiges zuzutrauen.
Zwei Freunde und ein verdächtig gut riechendes Fernweh
Mit „Oh, wie schön ist Panama“ schenkte Janosch uns 1978 eine Geschichte über die Sehnsucht nach einem schöneren Leben. Für den Aufbruch genügt darin eine Kiste, die nach Bananen riecht.
Auf der Kiste steht Panama. Also muss es dort herrlich sein, finden Tiger und Bär. Eine durchaus wackelige Reiseplanung, aber ein sehr überzeugender Grund, loszugehen.
Am Ende ihrer Reise landen die beiden wieder an ihrem eigenen Haus. Sie erkennen es allerdings nicht – und halten es für das ersehnte Panama. Man kann darüber lachen, wie prächtig sie sich irren. Und sich zugleich mit ihnen freuen: Ihr Glück ist schließlich echt.
Auch die anderen großen Geschichten beginnen mit Gefühlen, für die niemand erst erwachsen werden muss. In „Post für den Tiger“ ist der kleine Tiger einsam, wenn sein Freund unterwegs ist. Also muss ein Brief her. In „Ich mach dich gesund, sagte der Bär“ braucht der kranke Tiger jemanden, der sich kümmert und ihn sogar ins Krankenhaus begleitet.
Vermissen, Angst haben, füreinander da sein: Beim gemeinsamen Vorlesen finden solche großen Gefühle ganz selbstverständlich zwischen zwei Menschen Platz. Einer liest. Einer hört zu. Und manchmal rücken beide ein bisschen näher zusammen.
Gemütlich, mit gelegentlichen Abgründen
Janoschs Welt hatte Platz für Zärtlichkeit und Unfug. Und für einen Humor, bei dem den Erwachsenen gelegentlich das Lachen für einen Moment im Hals stecken bleibt.
Ein besonders gutes Beispiel wäre die „Riesenparty für den Tiger“: Ein Fuchs verliebt sich in der Geschichte in eine Gans. Für die Gans nimmt diese Liebe ein tödliches Ende. Janosch erzählt das mit einer Beiläufigkeit, die einen erst einmal blinzeln lässt.
So etwas gehörte zu ihm. Zwischen all der Behaglichkeit lauert das Leben mit seinen Gemeinheiten. Seine Figuren können eigensinnig, selbstbezogen und ziemlich unvernünftig sein. Gerade deshalb sind sie uns so nah.
Und dann diese Tigerente. Eine Holzente auf Rädern, die schweigend durch die Geschichten rollt und trotzdem zu seinen berühmtesten Figuren wurde. Man muss sich das erst einmal trauen: eine Ente erfinden, sie gelb und schwarz anmalen – und ihr den Rest weitgehend ersparen.
Der Junge, dem Geborgenheit fehlte
Horst Eckerts eigene Kindheit war von Gewalt und Angst geprägt. Die Wärme seiner Bücher bekommt vor diesem Hintergrund ein besonderes Gewicht.
Er wurde am 11. März 1931 im damaligen Hindenburg geboren, dem heutigen Zabrze in Polen. Zu Hause erlebte er Alkohol und Schläge. Außerdem wurde ihm als Kind eingeredet, dass Gott ihn bestrafen und er in die Hölle kommen könnte. Das machte ihm große Angst. Später sprach er offen darüber, wie sehr ihn diese Erfahrungen weiterhin belasteten und wie er versucht hatte, quälende Erinnerungen mit Alkohol zu betäuben.
Das ist auf den ersten Blick schwer zusammenzubringen: der Mann hinter den vertrauten Bilderbüchern und das Kind, das sich so wenig sicher fühlen durfte.
In seinem Roman „Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm“ gab er auch der rauen Welt seiner Herkunft Raum. Tiger und Bär dagegen durften etwas erleben, das ihm selbst gefehlt hatte: verlässliche Nähe, Freundschaft und ein Zuhause, in dem man gern ankommt. Diese Bücher lassen sich auch als seine Suche danach lesen.
Sein Schmerz gehört zu seiner Geschichte. Ihn als Preis für die schönen Bücher zu betrachten, wäre grausam. Wie viel lieber hätte man diesem kleinen Horst eine freundliche Kindheit gewünscht.
Teneriffa, Hängematte und bitte etwas Ruhe
Seit den frühen Achtzigerjahren lebte Janosch auf Teneriffa. Die Hängematte gehörte zu dem Bild, das er selbst mit trockenem Vergnügen von seinem Alltag zeichnete.
Nach seinem Tagesablauf gefragt, antwortete er seiner Biografin Angela Bajorek: „Immer Hängematte.“ Was er rückblickend anders machen würde? „Ich würde weniger arbeiten.“ Zugleich beschrieb er sich als jemanden, der sein Leben gut überstanden hatte und Freude daran empfand.
Da war er wieder, dieser schwer zu fassende Janosch. Verletzlich, widerspenstig, komisch. Einer, der auch das öffentliche Bild seiner Person gern ein wenig durcheinanderbrachte.
Dabei hatte er über Jahrzehnte gezeichnet und geschrieben. Sein erstes Kinderbuch, „Die Geschichte von Valek dem Pferd“, erschien bereits 1960. Später kamen Romane, Theaterstücke und die Figur Wondrak hinzu. Die Hängematte hatte also durchaus Konkurrenz.
Was bei uns bleibt
Janosch hinterlässt Geschichten, in denen Kinder ihre Gefühle wiederfinden und Erwachsene ihre eigenen Gewissheiten gelegentlich ein wenig lockern können.
Man darf Sehnsucht haben. Man darf jemanden vermissen. Man darf sich etwas ausmalen, das anderen reichlich sonderbar vorkommt. Und man darf über Dinge lachen, die eigentlich ziemlich traurig sind.
Seine Bücher sind längst Teil vieler Familiengeschichten geworden. Manche wurden verschenkt, weitergereicht, vorgelesen, auswendig gelernt. Jetzt werden sie wieder aufgeschlagen, von Menschen, die früher selbst zugehört haben.
Vielleicht ist das heute ein schöner Abschied: noch einmal mit Tiger und Bär losgehen. Sich unterwegs Zeit lassen. Über eine schräge Zeichnung lachen – und an einer vertrauten Stelle kurz innehalten.
Danke, Janosch. Für die Freundschaft, den Trost und den herrlichen Unfug. Die Tigerente rollt bei uns weiter.
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