Die Banane ist falsch geschält. Die Jacke darf nicht angezogen werden. Der Becher hat die falsche Farbe. Und plötzlich liegt ein kleines Kind mitten im Flur, schreit, weint, strampelt – und ist für gute Worte kaum noch erreichbar. Willkommen in der Autonomiephase.
Viele Eltern kennen diese Zeit noch unter dem Begriff Trotzphase. Und ja: Von außen kann es manchmal wirklich so wirken, als würde ein Kind einfach nur trotzig, stur oder absichtlich gegen alles rebellieren. Aber genau hier lohnt sich ein zweiter Blick. Kinder in der Autonomiephase wollen ihre Eltern (tatsächlich) nicht ärgern. Sie sind nicht böse, nicht manipulativ und auch nicht einfach schlecht erzogen. Sie erleben gerade einen riesigen Entwicklungsschritt, bei dem sie unsere Unterstützung brauchen.
Das Kind entdeckt: Ich bin ich. Ich will etwas. Ich kann etwas. Ich will selbst entscheiden. Gleichzeitig kann es mit Frust, Grenzen und starken Gefühlen noch nicht gut umgehen. Genau daraus entstehen die berüchtigten Wutanfälle, die für Eltern so anstrengend sein können.
In diesem Beitrag schauen wir tiefer auf die Autonomiephase: Wann sie beginnt, warum sie so wichtig ist, was im Kind passiert – und wie Eltern liebevoll, klar und möglichst gelassen durch diese herausfordernde Zeit kommen.
Was ist die Autonomiephase?
Die Autonomiephase ist eine wichtige Entwicklungsphase im Kleinkindalter. Das Kind beginnt, sich immer stärker als eigenständige Person wahrzunehmen. Es möchte Dinge selbst tun, eigene Entscheidungen treffen und ausprobieren, wo die eigenen Grenzen liegen.
Das klingt erst einmal wunderschön. Und eigentlich ist es das auch.
Denn Autonomie bedeutet: Ein Kind entwickelt Selbstständigkeit, Selbstvertrauen und einen eigenen Willen. Es lernt, dass es nicht einfach nur „mitläuft“, sondern selbst etwas bewirken kann.
Im Alltag sieht das allerdings nicht immer ganz so harmonisch aus, wie es oben klingt. Denn der Wunsch nach Selbstständigkeit ist oft größer als das, was ein kleines Kind schon kann oder darf.
Vielleicht möchte dein Kind die Schuhe selbst anziehen, schafft es aber noch nicht. Vielleicht möchte es weiter auf dem Spielplatz bleiben, obwohl ihr wirklich dringend losmüsst. Oder es möchte den Joghurt alleine öffnen und ist völlig verzweifelt, wenn dabei alles daneben geht.
In solchen Momenten entsteht Frust. Und dieser Frust ist für kleine Kinder oft noch überwältigend.
Ein Kind in der Autonomiephase kann meistens noch nicht ruhig sagen: „Ich bin enttäuscht, weil ich selbst entscheiden wollte.“ Stattdessen schreit es, weint, wirft sich auf den Boden, oder schlägt vielleicht sogar um sich. Nicht, weil es dich angreifen will. Sondern weil sein inneres System gerade überläuft.
Warum sagt man heute lieber Autonomiephase statt Trotzphase?
Der Begriff Trotzphase ist vielen Eltern vertraut. Er beschreibt aber vor allem das, was Erwachsene von außen sehen: Widerstand, Wut, Nein-Sagen, Schreien oder Verweigerung. Der Begriff Autonomiephase schaut tiefer.
Er beschreibt, was im Kind eigentlich passiert. Das Kind entwickelt Autonomie, also Eigenständigkeit. Es entdeckt den eigenen Willen und übt, mit Grenzen umzugehen. Diese Perspektive ist wichtig, weil sie den Blick auf das Kind verändert.
Wenn wir sagen: „Mein Kind trotzt“, klingt das schnell nach Absicht. Nach Machtkampf. Nach „Das macht es doch extra!“.
Wenn wir sagen: „Mein Kind ist in der Autonomiephase“, verstehen wir eher: Mein Kind lernt gerade etwas Großes. Und es braucht dabei Begleitung.
Das heißt nicht, dass Eltern alles erlauben müssen. Ganz im Gegenteil. Kinder brauchen in dieser Phase klare, verlässliche Grenzen. Aber sie brauchen diese Grenzen ohne Beschämung, ohne Machtkampf und ohne das Gefühl, mit ihren großen Gefühlen alleine gelassen zu werden.
Wann beginnt die Autonomiephase?
(Bild: © Natal.is / Adobe Stock)
Die Autonomiephase beginnt bei vielen Kindern ungefähr zwischen 18 Monaten und zwei Jahren. Manche Kinder zeigen allerdings schon wesentlich früher, dass sie manche Dinge auch mal gerne selbst bestimmen möchten. Andere starten etwas später.
Typisch ist, dass Kinder in dieser Zeit häufiger „Nein!“ sagen, Hilfe ablehnen oder bei Verboten sehr intensiv reagieren. Auch Übergänge werden oft schwieriger. Aus dem Spiel heraus nach Hause zu gehen, sich morgens anziehen zu lassen oder abends ins Bett zu wechseln, kann plötzlich zum großen Thema werden.
Wichtig ist: Es gibt nicht den einen festen Startpunkt zum kleinen “Trotzkopf”.
Kinder entwickeln sich unterschiedlich. Manche Familien erleben die Autonomiephase sehr intensiv. Andere merken sie eher in Wellen. Und auch ein Kind, das lange sehr ausgeglichen war, kann plötzlich in eine Phase stolpern, in der scheinbar jede Kleinigkeit eskaliert.
Wie lange dauert die Autonomiephase?
Auch hier gibt es keine feste Grenze. Besonders intensiv erleben viele Eltern die Autonomiephase im zweiten und dritten Lebensjahr. Bei vielen Kindern werden die Wutanfälle mit zunehmender Sprache und Reife nach und nach seltener oder weniger heftig.
Trotzdem kann das Thema Autonomie auch mit vier, fünf oder sechs Jahren noch eine Rolle spielen. Dann zeigt es sich allerdings oft nochmal anders. Es gibt vielleicht weniger Situationen, in denen sich ein Kind auf den Boden wirft. Dafür wird mehr diskutiert, verhandelt, oder über gut eingespielte Regeln gestritten.
Die Phase endet also nicht von einem Tag auf den anderen. Sie verändert sich.
Ein Kind lernt Stück für Stück:
- Ich darf einen eigenen Willen haben.
- Nicht alles geht so, wie ich es möchte.
- Wut ist ein Gefühl, aber sie zerstört nicht unsere Beziehung.
- Meine Eltern halten meine Gefühle aus, auch wenn ich gerade schwierig bin.
Das ist ein langer Lernprozess. Und ehrlicherweise ist er nicht nur für Kinder anstrengend, sondern auch für Eltern.
Was passiert in der Autonomiephase im Kind?
Für Erwachsene wirkt ein Wutanfall manchmal völlig übertrieben. Aus unserer Sicht geht es vielleicht nur um eine falsch geschnittene Banane, eine Jacke oder einen Becher. Für ein kleines Kind kann sich genau das aber unfassbar riesig anfühlen.
Kinder in der Autonomiephase erleben starke Gefühle, haben aber noch nicht die innere Reife, diese Gefühle gut zu steuern. Ihre Impulskontrolle ist noch nicht ausgereift. Sie können sich noch nicht zuverlässig beruhigen – oder ihre Enttäuschung einordnen. Tatsächlich merkt man ihnen oft an, dass sie mit ihren eigenen Gefühlen schlichtweg überfordert sind.
All das müssen sie erst lernen. Und sie lernen es nicht, indem man sie für ihre Gefühle beschämt. Sie lernen es, indem Erwachsene ihnen zeigen: Ich sehe, dass du wütend bist. Deine Gefühle sind erlaubt. Ich bleibe bei dir. Die gesetzte Grenze bleibt aber trotzdem bestehen.
Das ist dann übrigens keine Verwöhnung. Das ist emotionale Begleitung.
Gerade dieser Unterschied ist wichtig. Ein Kind darf wütend sein. Es darf weinen, enttäuscht sein oder etwas richtig blöd finden. Aber es darf nicht alles tun. Es darf niemanden verletzen, Dinge zerstören oder gefährliche Grenzen überschreiten.
Eltern müssen also nicht zwischen Verständnis und Konsequenz wählen. Kinder brauchen beides.
Warum Wutanfälle oft aus dem Nichts kommen
Manchmal scheint ein Wutanfall wirklich aus dem Nichts zu kommen. Eben war noch alles gut – und plötzlich kippt die Stimmung.
In Wahrheit gibt es oft Auslöser, die für Erwachsene klein wirken, für Kinder aber schwer auszuhalten sind.
Ein häufiger Auslöser ist der Wunsch, etwas selbst zu machen. „Alleine!“ ist eines der wichtigsten Vokabeln in dieser Phase. Das Kind möchte sich selbst anziehen, sich selbst etwas einschenken oder selbst entscheiden. Wenn das nicht klappt, oder Erwachsene eingreifen müssen, fühlt sich das Kind schnell ausgebremst.
Auch Grenzen lösen oft starke Gefühle aus. Ein Nein zum Schokoriegel, das Ende der Bildschirmzeit, oder die Ansage, dass an der Straße (wie immer) die Hand gehalten wird, kann einen heftigen (auch unerwarteten) Wutanfall auslösen. Das heißt nicht, dass die Grenze falsch war. Es heißt nur, dass dein Kind erst lernen muss, mit dieser Grenze umzugehen.
Besonders schwierig sind außerdem Übergänge von einer Situation – in eine neue. Viele Kinder können schlecht aus einer Situation herauswechseln. Wenn sie gerade spielen, ist ein plötzliches „Wir gehen jetzt!“ für sie oft schwer zu verarbeiten. Ein bisschen Vorwarnzeit kann hier schon viel verändern.
Und dann gibt es noch die ganz einfachen Dinge: Müdigkeit, Hunger und Reizüberflutung. Ein Kind, das müde oder hungrig ist, hat weniger Kraft, mit Frust umzugehen. Das kennen Erwachsene übrigens auch. Wir können es meistens nur besser verstecken oder überspielen. 🙈🤗
Ist mein Kind schlecht erzogen, wenn es Wutanfälle hat?
Nein.
Wutanfälle gehören bei vielen (oder ehrlicherweise bei den meisten) Kindern zur normalen Entwicklung. Sie sagen erst einmal nichts darüber aus, ob Eltern liebevoll, konsequent oder „gut genug“ erziehen.
Natürlich brauchen Kinder Orientierung. Natürlich brauchen sie Regeln. Aber ein Kind, das in der Autonomiephase/Trotzphase schreit, weint oder sich verweigert, ist nicht automatisch schlecht erzogen.
Es ist ein Kind, das gerade mit einem Gefühl kämpft, das größer ist, als seine Fähigkeit, damit umzugehen.
Wenn Eltern genau DAS tief verinnerlichen, entlastet das in vielen Fällen schon enorm. Denn viele Mütter und Väter geraten innerlich unter Druck, sobald ihr Kind in der Öffentlichkeit laut wird. Man spürt die Blicke anderer Menschen. Vielleicht hört man sogar blöde Kommentare. Und plötzlich kämpft man nicht nur mit dem Wutanfall des Kindes, sondern auch mit Scham, Stress und dem Gefühl, von einer externen Jury bewertet zu werden.
Gerade dann hilft der innere Satz:
Mein Kind macht das nicht gegen mich. Mein Kind braucht mich gerade.
Nicht als Dienstleister für jeden Wunsch. Sondern als ruhiger, klarer Erwachsener.
Was hilft während eines Wutanfalls?
Wenn ein Kind mitten in einem Wutanfall steckt, ist das der schlechteste Zeitpunkt für lange Erklärungen.
In diesem Moment ist das Kind emotional einfach völlig überflutet. Es kann oft nicht gut zuhören, nicht vernünftig abwägen und (natürlich) keine logische Diskussion führen. Was jetzt hilft, ist weniger Rede – und mehr Halt.
Das bedeutet zuerst: Bleib so ruhig, wie es dir irgendwie möglich ist. Das ist leicht gesagt – und manchmal wirklich schwer. Aber wenn dein Kind innerlich brennt und du ebenfalls explodierst, wird die Situation meistens größer.
Du musst dabei nicht tiefenentspannt sein. Es reicht schon, wenn du äußerlich etwas ruhiger bleibst, leiser sprichst und nicht in einen “Machtkampf” einsteigst.
Kurze Sätze sind in solchen Momenten oft besser, als lange Erklärungen.
Du kannst sagen: „Du bist richtig wütend.“ Oder: „Du wolltest das alleine machen.“ Oder: „Ich sehe, dass das gerade schwer für dich ist.“
Damit lernt dein Kind nach und nach, Gefühle einzuordnen. Außerdem fühlt es sich gesehen.
Wichtig ist aber: Verständnis bedeutet nicht Nachgeben.
Du kannst liebevoll bleiben und trotzdem klar sagen: „Der Schokoriegel bleibt im Regal.“ Oder: „Wir gehen jetzt nach Hause.“ Oder: „Ich lasse nicht zu, dass du mich haust.“
Genau diese Kombination ist stark: warm im Ton, klar in der Sache.
Wenn dein Kind schlägt, tritt, beißt oder weglaufen will, braucht es eine klare Grenze. Nicht grob. Nicht strafend. Aber eindeutig. Dann darfst du seine Hände festhalten, Abstand schaffen – oder es aus einer gefährlichen Situation herausnehmen.
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Nähe oder Abstand: Was braucht mein Kind gerade?
Manche Kinder möchten mitten im Wutanfall festgehalten werden. Andere ertragen in diesem Moment keine Berührung. Manche lassen sich auf den Arm nehmen. Andere brauchen erst einmal Abstand.
Wichtig ist, dass du verfügbar bleibst. Du musst dich nicht aufdrängen. Aber du kannst in der Nähe bleiben und zeigen: Ich gehe nicht weg. Ich lasse dich mit diesem Gefühl nicht alleine.
Ein Satz wie „Ich bin hier, wenn du mich brauchst“ ist in solchen Momenten sehr wertvoll.
Vielleicht kommt dein Kind erst nach ein paar Minuten zu dir. Vielleicht braucht es länger. Vielleicht ist es danach völlig erschöpft. Wutanfälle sind für Kinder nicht nur laut. Sie sind auch körperlich und emotional anstrengend.
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Was nach einem Wutanfall wichtig ist
Nach einem Wutanfall brauchen viele Kinder Verbindung. Manche weinen noch leise. Manche suchen Nähe. Manche tun so, als wäre nichts gewesen.
Jetzt ist ein guter Moment, um wieder zueinanderzufinden.
Nicht mit einer großen Standpauke. Nicht mit „Siehst du, das hast du jetzt davon“. Sondern ruhig, klar und liebevoll.
Du kannst dein Kind in den Arm nehmen, wenn es das möchte. Du kannst ihm etwas zu trinken anbieten. Du kannst später noch einmal kurz benennen, was passiert ist.
Zum Beispiel: „Du warst sehr wütend, weil du den Joghurt alleine öffnen wolltest. Beim nächsten Mal können wir es zusammen versuchen.“
Oder: „Du darfst wütend sein. Hauen ist trotzdem nicht okay.“
So lernt dein Kind: Meine Gefühle sind nicht gefährlich. Meine Eltern bleiben. Aber es gibt trotzdem Regeln.
Was Eltern in der Autonomiephase vermeiden sollten
Niemand reagiert immer perfekt. Wirklich niemand.
Eltern sind Menschen. Und die Autonomiephase kann unglaublich anstrengend sein. Besonders, wenn mehrere Kinder da sind, Termine drücken, Schlaf fehlt, oder die eigenen Nerven einfach mal dünn sind.
Trotzdem gibt es ein paar Reaktionen, die Wutanfälle eher verschärfen.
Beschämung hilft einem überforderten Kind nicht. Sätze wie „Jetzt stell dich nicht so an“ oder „Alle schauen schon“ erhöhen meistens nur den Druck auf ein Kind.
Auch Drohungen mit Liebesentzug sind schwierig. Ein Kind sollte nicht das Gefühl bekommen, dass die Beziehung unsicher wird, nur weil es gerade einfach wütend ist. Die Grenze darf bleiben. Die Liebe auch.
Nicht hilfreich sind außerdem endlose Diskussionen mitten im Wutanfall. Ein Kind, das emotional überflutet ist, kann nicht wie ein kleiner Erwachsener argumentieren. Je mehr geredet wird, desto größer wird manchmal der Stress auf beiden Seiten.
Und ja: Es ist verlockend, einfach nachzugeben, damit endlich Ruhe ist. Besonders im Supermarkt, im Bus oder vor anderen Menschen. Aber wenn ein Nein immer dann verschwindet, wenn das Kind laut genug schreit, wird es langfristig für alle schwerer.
Kinder brauchen die Erfahrung: Meine Gefühle werden gesehen. Aber nicht jede Grenze löst sich auf.
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Wie Eltern Wutanfällen vorbeugen können
Ganz vermeiden lassen sich Wutanfälle nicht. Das muss auch nicht das Ziel sein. Wut, Frust und Enttäuschung gehören zur Entwicklung dazu. Aber Eltern können den Alltag so gestalten, dass manche Eskalation ausbleibt.
Übergänge sind (nicht überraschend) dabei ein wichtiger Punkt. Viele Kinder kommen besser mit Veränderungen klar, wenn sie sich gut vorbereitet fühlen. Statt plötzlich zu sagen: „Wir gehen jetzt!“, hilft oft eine kleine Vorwarnung. Zum Beispiel: „Du kannst noch zweimal rutschen, dann müssen wir leider gehen.“
Auch kleine Wahlmöglichkeiten können den Alltag entspannen. Kinder wollen mitbestimmen, aber sie brauchen überschaubare Entscheidungen. „Möchtest du den roten oder den grünen Pullover?“ ist für viele Kinder leichter, als die völlig offene Frage: „Welchen Pullover möchtest du heute anziehen?“
Außerdem hilft es, dort Selbstständigkeit zu ermöglichen, wo es sicher und machbar ist. Ein Kind darf beim Tischdecken helfen, die Socken selbst aussuchen oder den Reißverschluss erst einmal selbst versuchen. Solche kleinen Autonomie-Momente sind wertvoll. Sie geben dem Kind das Gefühl: Ich kann etwas. Ich werde ernst genommen.
Und manchmal ist Vorbeugung ganz schlicht: früher essen, früher schlafen, weniger Programm. Denn viele Wutanfälle entstehen nicht aus bösem Willen, sondern aus Überforderung, Müdigkeit und Reizüberflutung.
Grenzen setzen in der Autonomiephase
Viele Eltern haben Angst, entweder zu streng oder zu nachgiebig zu sein. Die gute Nachricht ist: Liebevolle Begleitung und klare Grenzen schließen sich nicht aus. Sie gehören wie ein gutes Team zusammen.
Kinder brauchen keine Eltern, die jeden Wunsch erfüllen. Sie brauchen Eltern, die Orientierung geben und gleichzeitig emotional erreichbar bleiben. Ein guter Leitsatz ist: So viel Freiheit wie möglich, so viel Grenze wie nötig.
Das bedeutet: Bei Sicherheit gibt es klare Grenzen. Bei Gewalt ebenfalls. Bei vielen kleinen Alltagsthemen darf es dagegen ruhig mehr Spielraum geben.
Nicht jede Sache muss ein Machtkampf werden. Wenn dein Kind bei Sonnenschein Gummistiefel tragen möchte, ist das vielleicht kein großes Problem. Wenn es aber ohne Hand auf die Straße laufen will, gibt es keine Diskussion. Diese Unterscheidung entlastet.
Kinder müssen nicht ständig “gewinnen”. Eltern aber auch nicht. Es geht nicht darum, wer stärker ist. Es geht darum, einen sicheren Rahmen zu schaffen, in dem das Kind wachsen kann.
Autonomiephase in der Öffentlichkeit
Kaum etwas stresst Eltern (ehrlich) so sehr, wie ein Wutanfall im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Kinderarzt. Nicht nur das Kind ist dann laut. Auch der eigene innere Druck wird dann oft laut.
Was denken die anderen? Wirke ich zu streng? Wirke ich zu nachgiebig? Halten mich alle für unfähig?
Du darfst ruhig und klar bleiben, auch wenn andere Menschen schauen. Du darfst dein Kind aus der Situation nehmen. Du darfst einen Einkauf auch einfach mal abbrechen. Du darfst auch sagen: „Mein Kind ist gerade überfordert. Wir gehen kurz raus.“
Und du darfst innerlich wissen: Wirklich fast alle Eltern kennen solche Situationen. Und zwar zu Genüge.
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Was tun, wenn ich selbst laut geworden bin?
Auch das gehört zur Wahrheit: Eltern verlieren manchmal die Nerven. Vielleicht hast du geschimpft. Vielleicht warst du lauter, als du sein wolltest. Vielleicht hast du etwas gesagt, das dir später leidtut. Das macht dich nicht direkt zu einem schlechten Elternteil. Wichtig ist, was danach passiert.
Kinder profitieren nicht von perfekten Eltern. Sie profitieren von Eltern, die Verantwortung (auch für sich selber) übernehmen können.
Du kannst später sagen: „Ich war vorhin sehr wütend und bin zu laut geworden. Das tut mir leid. Du warst auch wütend. Wir üben beide noch, besser damit umzugehen.“
Das ist kein Autoritätsverlust. Das ist Beziehungskompetenz.
Dein Kind lernt dadurch: Auch Erwachsene haben Gefühle. Auch Erwachsene machen Fehler. Und man kann nach einem schwierigen Moment sehr gut wieder zueinander finden.
Wann sollten Eltern sich Unterstützung holen?
Die Autonomiephase kann mitunter ehrlich intensiv sein. Wenn Wutanfälle extrem häufig, sehr heftig oder ungewöhnlich lang sind, darf man auch genauer hinschauen. Das gilt auch, wenn ein Kind sich selbst oder andere regelmäßig verletzt, oder wenn der Familienalltag nur noch aus Eskalationen besteht.
Auch wenn du selbst dauerhaft am Limit bist oder Angst hast, die Kontrolle zu verlieren, ist Hilfe wichtig. Das ist kein Scheitern.
Kinderarztpraxis, Erziehungsberatungsstellen, Frühe Hilfen oder kinderpsychologische Fachstellen, können entlasten. Manchmal reichen schon wenige Gespräche, um neue Wege zu finden und wieder mehr Sicherheit in den Familienalltag zu bringen.
Autonomiephase oder schlechtes Benehmen?
Diese Frage stellen sich viele Eltern.
Die Antwort ist nicht immer schwarz-weiß. Natürlich lernen Kinder mit der Zeit Regeln, Rücksicht und angemessenes Verhalten. Natürlich darf ein Kind nicht alles tun, nur weil es gerade wütend ist.
Aber in der Autonomiephase ist der Blick auf die Ursache entscheidend.
Ein Kleinkind, das schreit, weil es seinen Willen nicht bekommt, handelt nicht wie ein Erwachsener, der bewusst Grenzen überschreitet. Es steckt mitten in einem Lernprozess.
Deshalb braucht es beides: Verständnis für seine Entwicklung und klare Begleitung im Verhalten.
Du darfst sagen: „Ich verstehe, dass du wütend bist.“ Und gleichzeitig: „Ich lasse trotzdem nicht zu, dass du haust.“
Du darfst sagen: „Du wolltest das alleine machen.“ Und gleichzeitig: „An der Straße halte ich aber zu deiner Sicherheit, deine Hand.“
Warum die Autonomiephase so wichtig ist
So anstrengend diese Zeit ist: Sie ist auch ein wichtiger Schritt in Richtung Persönlichkeit. Dein Kind lernt, einen eigenen Willen zu haben. Es lernt, Entscheidungen zu treffen. Es lernt, dass Gefühle kommen und wieder gehen. Es lernt, dass Grenzen nicht das Ende von Liebe bedeuten.
Und es lernt durch dich.
Nicht durch perfekte Sätze. Nicht durch Erziehungsratgeber-Momente. Sondern durch viele kleine Alltagssituationen, in denen du immer wieder zeigst: Ich sehe dich. Ich halte deine Gefühle aus. Ich setze Grenzen. Ich bleibe bei dir.
Das ist unglaublich viel. Und manchmal fühlt es sich im Alltag gar nicht so groß an. Sondern nur laut, klebrig, müde und chaotisch. Aber genau in diesen Momenten entsteht ganz viel Vertrauen in deinem Kind.
Fazit: Die Trotzphase ist keine Störung, sondern Entwicklung
Die Autonomiephase / Trotzphase ist für viele Familien eine echte Belastungsprobe. Und das ist völlig nachvollziehbar. Ich kenne es beruflich täglich. Und auch privat haben wir das schon zweimal hinter uns gebracht.
Es fordert Geduld, Klarheit und manchmal wirklich starke Nerven. Aber diese intensive Phase ist kein Zeichen dafür, dass ein Kind falsch erzogen ist – oder Eltern versagt haben.
Kinder entdecken in dieser Zeit ihren eigenen Willen. Sie wollen selbstständiger werden, stoßen an natürliche Grenzen und werden von ihren eigenen Gefühlen überrollt, die sie noch nicht gut regulieren können.
Auch wir Erwachsenen kennen in unserem Leben noch immer einzelne Situationen, in denen wir nicht so gut mit Enttäuschungen umgehen können, und wir uns spontan von merkwürdig intensiven Gefühlen überraschen lassen. Beispielsweise, wenn die Lieblings-Eisdiele Ruhetag hat. 🙈 Mit dem Unterschied, dass wir uns dann (nach dreimal tief Durchatmen) auf den Weg zu unserer zweitliebsten Eisdiele machen können, ohne unsere Eltern um Erlaubnis zu fragen. 🤗
Autonomie und Selbstständigkeit ist auch für uns Große sehr wichtig. In der Autonomiephase hat UNSER damaliges Umfeld den Grundstein dafür gelegt, wie wir heute mit außergewöhnlichen Situationen umgehen. Jetzt sind WIR das Umfeld unserer Kinder – und stecken mittendrin in ihrer Entwicklung. Das ist manchmal anstrengend. Aber wirklich sehr oft wird es Situationen geben, in denen wir unfassbar stolz auf sie sind.
Wenn wir sie liebevoll durch diese Phase begleiten, werden sie Hürden und Regeln immer besser akzeptieren und meistern. Und zwar immer öfter auch, (beinahe) ganz, ohne Wutanfall.
FAQ zur Autonomiephase / Trotzphase
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