Viele Kinder und Jugendliche wirken heute selbstbewusst, digital souverän und meinungsstark. Sie bewegen sich selbstverständlich in sozialen Medien, haben früh eigene Meinungen und scheinen oft genau zu wissen, wer sie sind. Doch dieser Eindruck erzählt nicht die ganze Geschichte.
Die neue Sozialstudie „Selbstwert und Vorbilder“ der Bepanthen®-Kinderförderung, durchgeführt von der Universität Bielefeld, zeigt: Viele Kinder und Jugendliche haben zwar grundsätzlich ein positives Bild von sich selbst – gleichzeitig stehen viele unter Druck. Sie vergleichen sich, haben Angst vor Fehlern, oder wünschen sich mehr Selbstrespekt.
Stark nach außen, unsicher im Inneren
Auf den ersten Blick wirken die Studienergebnisse ermutigend: 96 Prozent der Jugendlichen sind der Meinung, eine Reihe guter Eigenschaften zu besitzen. 95 Prozent betrachten sich als genauso wertvoll, wie andere Menschen. Auch Kinder zeigen ein starkes Kompetenzgefühl: 94 Prozent glauben, vieles genauso gut oder besser zu können, als andere Kinder.
Doch Selbstbewusstsein und Selbstwert sind nicht dasselbe. Jeder zweite Jugendliche hat häufig Angst, etwas falsch zu machen. Mehr als die Hälfte fühlt sich zumindest manchmal davon überfordert, die Erwartungen der Eltern zu erfüllen. Fast die Hälfte der Jugendlichen wünscht sich mehr Selbstrespekt.
Prof. Dr. Holger Ziegler, Studienleiter an der Universität Bielefeld, ordnet das so ein: „Die Ergebnisse widersprechen der einfachen Erzählung von einer selbstbewussten, digital souveränen Generation. Viele Jugendliche wirken nach außen stark, beschreiben innerlich aber Unsicherheit, Druck und Zweifel.“
Für Familien bedeutet das: Ein Kind kann nach außen sicher wirken und sich innerlich trotzdem unsicher fühlen. Es kann im Alltag funktionieren – und dennoch Angst haben, den vermeintlichen Ansprüchen nicht zu genügen.
Warum Selbstwert im Alltag entsteht
Selbstwert sitzt tiefer als Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein zeigt sich oft nach außen: Ein Kind traut sich etwas, spricht offen oder tritt sicher auf. Selbstwert beschreibt eher das Gefühl: Ich bin wertvoll – unabhängig davon, ob ich gerade etwas leiste, perfekt funktioniere – oder Erwartungen erfülle.
Dieser Selbstwert entsteht vor allen Dingen im Alltag. Beim Zuhören, beim Trösten, beim gemeinsamen Lachen, beim Umgang mit Fehlern. Und in Sätzen, die Kinder immer wieder hören sollten: „Ich glaube an dich.“ „Du darfst Fehler machen.“ „Du bist wichtig.“
Bernd Siggelkow, Gründer des Kinderhilfswerks „Die Arche“, sagt dazu: „Viele Kinder brauchen nicht noch mehr Druck. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen sagen: Du bist wertvoll, du darfst Fehler machen – und wir helfen dir trotzdem weiter. Wir reden viel darüber, was Kinder leisten sollen. Wir sollten mehr darüber reden, was Kinder brauchen, um an sich glauben zu können.“
Eltern müssen nicht perfekt sein
Vielleicht fragt ihr euch manchmal als Eltern : Sind wir gute Vorbilder? Müssen wir immer stark sein, geduldig bleiben und die richtige Antwort haben? Die beruhigende Antwort lautet: Kinder brauchen keine perfekten Vorbilder. Sie brauchen echte Menschen.
Gerade wenn Eltern zeigen, dass Fehler dazugehören, lernen Kinder, Fehler nicht als Scheitern zu sehen. Wenn Eltern sich entschuldigen können, lernen Kinder, dass Beziehungen auch nach Konflikten sicher bleiben. Und wenn Eltern nicht nur Leistung loben, sondern auch Mühe, Mut und Ehrlichkeit sehen, wächst Selbstvertrauen.
Siggelkow bringt es auf den Punkt: „Kinder brauchen keine perfekten Vorbilder. Sie brauchen Menschen, die bleiben, wenn es schwierig wird. Die zuhören, wenn andere wegsehen. Und die ihnen zeigen: Du bist nicht weniger wert, nur weil du weniger hast.“
Social Media und Selbstwert
Soziale Medien gehören für viele Jugendliche selbstverständlich zum Alltag. Sie können inspirieren, verbinden und Orientierung geben. Gleichzeitig sind sie ein Raum, in dem Sichtbarkeit, Vergleich und Selbstinszenierung eine große Rolle spielen.
Die Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und Selbstwert: Bei Jugendlichen mit sechs oder mehr Stunden Nutzung sozialer Medien pro Schultag, ist der Anteil mit unterdurchschnittlichem Selbstwert fast dreimal so hoch, wie bei Jugendlichen mit weniger als zwei Stunden Nutzung.
Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass Social Media allein ausschlaggebend für Selbstzweifel oder einen niedrigeren Selbstwert ist. Sie zeigen aber, dass digitale Lebenswelten und der Selbstwert junger Menschen zusammen betrachtet werden sollten. Insbesondere in einer Zeit, in der Jugendliche sich täglich mit Bildern, Meinungen, Erwartungen und Vorbildern aus sozialen Medien auseinandersetzen.
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Die wichtigsten Vorbilder sitzen oft am Küchentisch
Wenn von Vorbildern die Rede ist, denken viele zuerst an Stars aus Sport, Film und Musik – oder auch Influencerinnen und Influencer. Doch die Studie zeigt: Für viele Kinder und Jugendliche sind die wichtigsten Vorbilder tatsächlich viel näher.
76 Prozent der Kinder und 64 Prozent der Jugendlichen, haben im privaten Umfeld ein Vorbild. Von diesen nennen 82 Prozent der Kinder und 77 Prozent der Jugendlichen ihre Eltern. Auch Großeltern, Lehrkräfte, Trainerinnen, Freunde oder andere vertraute Menschen können eine wichtige Rolle spielen.
Siggelkow formuliert es so: „Selbstwert entsteht nicht dadurch, imaginierten Hochglanzwelten nachzuträumen. Er entsteht am Küchentisch, im Gespräch, im Alltag. Dort, wo ein Kind merkt: Jemand sieht mich, glaubt an mich und gibt mich nicht auf.“
Das ist eine starke Aussage für Eltern. Vorbild zu sein bedeutet nicht, alles richtig zu machen. Es bedeutet, verlässlich zu sein, Werte vorzuleben und Kindern zu zeigen, dass sie nicht nur dann wertvoll sind, wenn sie funktionieren.
Was Kinder an Vorbildern bewundern
Besonders interessant ist, welche Eigenschaften Jugendliche an Vorbildern bewundern. Im Vordergrund stehen nicht Reichtum, Schönheit oder Status. Jugendliche nennen hier vor allen Dingen Zuwendung, Rückhalt und ein warmherziges Miteinander.
Prof. Dr. Holger Ziegler sieht darin ein wichtiges Signal: „Auffällig ist, dass Jugendliche an Vorbildern nicht vorrangig bewundern, ob sie viel Geld haben, gut aussehen oder eine Art von machtvoller Stellung haben. Im Vordergrund stehen Fürsorge, Unterstützung und ein liebevoller Umgang. Das ist ein starkes Signal.“
Für Eltern ist das ermutigend. Es braucht keine perfekte Fassade, kein außergewöhnliches Leben und keine ständige Selbstoptimierung. Kinder orientieren sich an Menschen, die ihnen Halt geben, freundlich und verständnisvoll sind, helfen, für sie da sind – und bleiben.
Was Kinder wirklich stark macht
Am Ende zeigt die Sozialstudie ein klares Bild. Kinder werden nicht stark, weil sie perfekt funktionieren. Sie werden stark, wenn sie erleben, dass jemand an sie glaubt. Sie brauchen Erwachsene, die zuhören, Fehler aushalten, Orientierung geben und vermitteln: Du bist wertvoll – nicht erst, wenn du etwas erreichst, sondern so, wie du bist.
Die Bepanthen®-Kinderförderung macht seit 2008 auf Themen aufmerksam, die das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland prägen. Die Erkenntnisse aus den Sozialstudien fließen in die praktische Kinderförderung des Kinder- und Jugendwerks „Die Arche“ ein.
Weitere Informationen zur Bepanthen®-Kinderförderung und zur Sozialstudie gibt es unter: www.bepanthen.de/kinderfoerderung
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