Höher –  Schneller – Besser: Mütter vergleichen ihre Kinder – in allen – ihnen gebotenen Situationen. Welches Kind kann zuerst laufen, wer schreibt die besseren Noten und hat die meisten Hobbies? Kaum eine Disziplin wird nicht Gegenstand des anhaltenden Mütterkampfs. Ein Wettbewerb, der am Ende auf Kosten der Kinder läuft.

Bereits in der Schwangerschaft beginnt oft schon der Wettbewerb unter werdenden Müttern. Welche Schwangere rennt auch im neunten Monat noch bis in die dritte Etage, wer nimmt am wenigsten zu, und welche werdende Mutter hat die ultimative Geburt – ganz ohne Schmerzmittel und „Tam-Tam“? Schon mit den ersten Ultraschallbildern, startet gefühlt die Challenge um das perfekte Baby.

Wir haben hier für euch ein paar ganz typische Situationen aufgeschrieben, denen man tatsächlich als Schwangere oder als Mutter begegnen kann. Jene, die wir mit euch teilen möchten, damit aber gegen diese Konkurrenz ein Zeichen setzen wollen. Denn – jedes Kind, jede Mutter, und jede Familie ist einzigartig. So auch die kleinen Stolpersteine, die völlig natürlich mit zum Leben gehören.

Runde 1 – die perfekte Schwangere

Heute muss alles perfekt sein – auch die Schwangerschaft. Keine Gewichtszunahme über 10 Kilo, keine Wehwehchen und selbst im neunten Monat noch so topfit, dass eine stundenlange Shoppingtour, der pure Spaß bleibt.

Die perfekt gestylte Schwangere
Bild: © nicoletaionescu / Adobe Stock

Schwäche zeigen? Absolut tabu! Werdende Mütter müssen in den schicksten Umstandskleidern durch die Welt schreiten und sich deutlich von den anderen „normal“-schwangeren Frauen abgrenzen. Die erste Runde im Wettkampf geht auf jeden Fall an die hippeste und fitteste Schwangere.

Runde 2 – Das beste ungeborene Baby

Selbst der Besuch beim Frauenarzt wird nicht mehr nur genossen, sondern zur Grundlage des nächsten Schlagabtauschs. Da erzählt die werdende Mutter ihrer Freundin, die ebenfalls in anderen Umständen ist, freudig, dass ihr Baby nun schon 10 cm groß ist und gewunken hat. Doch die Freundin kann die Freude nicht teilen. Ganz im Gegenteil: nur darauf bedacht, das beste Baby zu haben, kontert sie «Na und – mein Baby ist schon 14 cm und hat beim letzten Mal ein Peace-Zeichen gemacht!». Vom Wettkampf geleitet, stehen Freude und Mitgefühl nicht im Vordergrund, sondern nur das Verlangen, mindestens mithalten zu können.

Runde 3 – Mein Kind schäft schon durch

Selbst wenn Mütter bis jetzt noch einigermaßen fair gespielt haben, beim Thema Schlaf hört der Spaß endgültig auf. Kaum ein Thema sorgt für soviel Konkurrenz unter Müttern, wie das Schlafverhalten ihrer Kinder. Dauerbrenner ist natürlich das Durchschlafen. Manch Leid geplagte Mutter, die seit Monaten nicht mehr, als vier Stunden am Stück schläft, muss sich hier anhören, dass Maximilian bereits seit der Geburt durchschläft. Durchschlafen wird als „normal“ betitelt, und gibt den Müttern der Nicht-Durchschläfer automatisch das Gefühl, schlechter zu sein.

[blockquote align=“none“ author=““]Das Durchschlafen im ersten Lebensjahr jedoch realistisch eine Seltenheit ist, spielt dabei keine Rolle.[/blockquote]

Runde 4 – Welches Kind hat die meisten Hobbies

Wenn die Kinder langsam selbstständiger und größer werden, geht der Kampf der Mütter in die nächste Evolutions-Runde. Musikschule, Ballett, Fußball oder Karate – welches Kind hat das „beste“ und die meisten Hobbies. Diskutiert wird hier nicht nur die Leistung der Kinder, sondern auch der pädagogische Nutzen. Natürlich ist das jeweilige Hobby des eigenen Kindes am sinnvollsten. Der Spaß am Hobby ist nebensächlich. Wichtig ist, dass das Kind glänzen kann und am ehesten zum Profi aufsteigen wird. Da wird Pauline in den Himmel gelobt, weil sie beim Reiten den ersten Platz gemacht hat – und Antons Mutter schief angeschaut, weil sein Fußballverein nur Dritter bei der Meisterschaft wurde.

Runde 5 – Der Erste beim Fahrrad fahren

[blockquote align=“none“ author=““]Kinderärzte raten Eltern, Kinder sollten frühestens mit sechs oder sieben Jahren eigenständig und alleine Fahrrad fahren. Denn auch, wenn sie motorisch vorher in der Lage sind, ohne Stützräder mit dem Rad zu fahren, ihr Reaktionsvermögen ist erst in der Grundschulzeit ausreichend entwickelt, um den Anforderungen im Straßenverkehr zu genügen.[/blockquote]

Doch die Worte der Ärzte werden von vielen Eltern gekonnt überhört. Kinder gehören auf die Piste – und zwar so schnell es geht. Denn es macht die Mutter doch so stolz, wenn sie verkünden kann, dass ihre Tochter schon mit zwei Jahren Fahrrad fährt. Die Vernunft scheint in diesen Fällen völlig ausgeschaltet. Wichtig ist nur – das Kind muss „Immer-Schneller, Immer-Früher, Immer-Mehr“, können. Doch was geschieht mit den Fahrrad-Frühchen? Reicht es da noch mit 18 den Füherschein zu machen und das Auto direkt vor der Türe zu haben? Oder erfinden die Eltern bis dahin das Führerschein-Kombipaket, bei dem man Auto- und Pilotenschein miteinander verbindet?

Runde 6 : Das ultimative Urlaubsziel

Beim wöchentlichen Mütter-Kaffeeklatsch herrscht im Sommer nur ein Thema: der Sommerurlaub. Wo geht es hin? Malediven, USA oder Dubai? Die Normalo-Eltern, die nach Holland oder höchstens nach Mallorca fahren (bzw. fliegen), sind da schon längst außen vor. Der Trend geht zu ultimativen Urlaubszielen. Je exotischer, desto besser. Das Alter der Kinder spielt dabei keine Rolle. Ganz im Gegenteil, auch die ganz kleinen müssen doch was erleben.

Mütter duellieren gekonnt mit Fotos von erlebtem, und Geschichten über die Vorteile einer Safari in Kenia. «Ach was der kleine Paul dabei alles gelernt hat!». Vorbei ist die Zeit, wo Pauschalreisen oder der Campingausflug noch für ausreichend „Anerkennung“ sorgten.

Familienleben als Mega-Event

Das normale Familienleben bietet so viel Raum für hart ausgefochtene Wettkämpfe unter Müttern. Unter Männern kann man dieses Verhalten übrigens nur sehr selten beobachten! Diese nutzen nicht ihre Kinder, sondern das Auto oder den Job, um sich mit anderen zu messen. Weitaus kinderfreundlicher – denn diese leiden unter dem Verhalten ihrer Mütter. Der Leistungsdruck ist für sensible Seelen enorm. Außerdem eignen sich auch Kinder das Verhalten der Mutter an. Sie beginnen ebenfalls, sich zu vergleichen und mit aller Macht, der oder die Beste sein zu wollen.

[blockquote align=“none“ author=““]Ein Teufelskreis, der dringend unterbrochen werden sollte und nicht zum Nachahmen empfohlen werden kann. Kinder sollten Kinder bleiben dürfen. Leistungsdruck erleben sie noch früh genug in ihrem Leben. [/blockquote]
Mutter und Tochter im Superhelden Kostüm
Nur wer seinem Kind das Gefühl gibt, der einzig wahre Held in der Familie zu sein, kann eine echte Super-Mom sein. (Bild: © Konstantin Yuganov / Fotolia)

Über den Autor

Jacqueline Esser

Jacqueline ist staatlich anerkannte Erzieherin, mit der Qualifikation zur Betreuung von Kindern unter drei Jahren. Diese Qualifikation hat sie bereits lange, bevor es als Pflichtteil zur Ausbildung aufgenommen wurde, freiwillig absolviert. Neben ihrer beruflichen Laufbahn, ist sie Mutter von zwei Kindern. Einem Mädchen und einem Jungen. Ihre Erfahrungen schöpft sie also aus beruflichen sowie privaten Herausforderungen. Dies macht sie zu einer perfekten Autorin für unser Magazin.

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