Natürlich möchten Eltern ihre Kinder so gut es geht in ihrer Entwicklung fördern. Doch wo hört das Fördern auf und wo fängt die Überforderung von Kindern an? Das richtige Maß der Förderung zu finden, ist oft ein Drahtseilakt. Man möchte keine Chance verpassen, aber auch nicht zum Leistungsdruck-Monster mutieren. Wir haben die Problematik hier aufgegriffen und bewegen uns in diesem Ratgeber zwischen dem Fördern, Fordern und Überfordern von Kindern. 

Chancen zur Förderung erkennen und ergreifen

Kinder können nicht immer selbst einschätzen, was sie lernen und erreichen können. Sie sind zwar bestrebt Neues zu lernen und von Natur aus neugierig, jedoch sind sie sich ihrer Fähigkeiten und Möglichkeiten nur selten bewusst. Doch auch Eltern schätzen ihre Kinder gelegentlich falsch ein.

Um Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern, ist es wichtig, sie genau zu beobachten und auf Signale zu achten. Kinder zeigen meist deutlich, wann sie bereit sind, etwas neues zu lernen. Solche Signale können motorisch oder geistig sein. Dabei sollten sie aber auch von einer inneren Bereitschaft begleitet werden. Oft liegt es am Temperament des Kindes, ob es nur eine Gelegenheit braucht, um etwas neues zu lernen, oder ob es deutliche Ermutigung dazu braucht. Ein Kind muss über sich hinaus wachsen, um neue Fähigkeiten zu entfalten.

Kinder lernen aus Erfahrungen. Aus diesem Grund müssen sie erfahren, dass sich ihre Mühen und Überwindungen, mit einer neuen Fähigkeit und einem Gefühl von Stolz belohnen lassen. Geschieht dies nicht, werden sie sich nur noch auf sicherem Terrain bewegen, Herausforderungen meiden, und demzufolge wenig Selbstbewusstsein entwickeln. Das kann den weiteren Werdegang ernsthaft blockieren.

Drei Punkte zur erfolgreichen Förderung von Kindern

Wie oben erklärt, müssen Kinder dazu bereit sein, neue Fähigkeiten zu erlangen. Wie also erkennt man, ob sein Kind bereit ist, etwas Neues zu lernen? Die drei folgenden Punkte sind der Weg zum Erfolg:

1. Kann mein Kind dies schon lernen: Erfüllt das Kind die körperliche, motorische oder geistige Entwicklung, um einen Erfolg möglich zu machen. Kann es die neue Fähigkeit schon erlernen? Es hat z.B. keinen Sinn, einem Kind, das gerade erst Laufen kann, dazu zu ermutigen, auf ein Klettergerüst zu klettern.

2. Wie ist die Lebenssituation: Hat sich im Leben eines Kindes gerade etwas verändert, kann das belastende Auswirkungen haben. Der Kindergartenstart, die neue Schule, ein Umzug, oder die Geburt eines Babys  – es gibt viele Situationen, die ein Kind belasten (oder einfach intensiv beschäftigen) können. Dann gilt es, die Auflösung der Situation abzuwarten, bis sich das Kind etwas eingelebt hat. Erst dann kann es sich auf neue Aufgaben und Herausforderungen einlassen.

3. Die Motivation: Sind die Eltern motiviert ihren Kindern etwas Neues beizubringen, bedeutet das nicht unbedingt, dass auch ihre Kinder Feuer und Flamme sind. Doch um eine neue Fähigkeit zu erlangen, ist genau DAS wichtig. Die Angst steht hierbei vielen Kindern im Weg. Veränderungen machen Ängste. Das Aufgeben alter Gewohnheiten und das Erlernen neuer Fähigkeiten, birgt viele Veränderungen. Und oft bleibt Kindern völlig unklar, warum eine Veränderung gerade so toll sein soll. Die Sicht auf die Dinge ändert sich total, wenn man ihnen erklärt, welchen Nutzen sie aus neuen Möglichkeiten ziehen können.

Warum die Windel weglassen, im eigenen Bett schlafen, oder alleine aufräumen? Gibt es für die Kleinen keine eigene Motivation, dann ist das Geschick der Eltern gefragt, dem Kind den Nutzen und das Positive an der Veränderungen aufzuzeigen.

Natürlich sind erpresserische Mittel, oder gar Androhungen von Strafen bzw. Konsequenzen, völlig tabu. Solche Methoden hinterlassen ein schlechtes Gefühl und teils extreme Ängste. Im schlimmsten Fall sogar über Jahre nachhaltig. Eine Belohnung hingegen darf durchaus in Aussicht gestellt werden. Die muss nicht unbedingt materieller Natur sein. Auch „Elternzeit“, wie extra Kuschel-Vorlese oder Spielzeit, kann ein Kind positiv motivieren.

Auf ganz ähnliche Weise funktioniert übrigens das Antolin-Programm zur Leseförderung. Das Leseverständnis wird hier spielerisch durch ein Quiz abgefragt. Ähnliche Mittel können Eltern auch zu Hause mit ihren Kindern nutzen. Man könnte den Lernerfolg in Vorbereitung auf einen Test oder eine Klassenarbeit auch als Quiz abfragen. Vielleicht gibt es ja sogar Preise oder einen Pokal zu ergattern. Wäre doch eine tolle Motivation!

Kinder profitieren von Neuem

Damit die Motivation eines Kindes steigt und es sich einer neuen Herausforderung stellt, braucht es ein positives Ergebnis. Kinder müssen erfahren, dass sie von neu Erlerntem einen persönlichen Vorteil haben. Nur dann ist es für sie die Mühe wert, über sich hinaus zu wachsen. Das ist an dem Punkt natürlich keine charakterliche Frage, sondern entspricht schlicht dem Entwicklungsstand von Kindern.

Dabei sind oft die Eltern gefragt:Wenn du dich heute alleine anziehst, kannst du selbst aussuchen, was du anziehen möchtest.“ Nur ein Beispiel von vielen. Kinder entdecken sofort ihren eigenen Nutzen in dieser Situation.

Man kann es als Mittel der Motivation sehen. Aber viel wichtiger ist, dass das Kind erkennt, dass es durch neue Fähigkeiten, in seinem Leben voran geht, dass es sich entwickelt und jedes neu Erlernte auch eine Verbesserung ist. So wird es bald ganz von selbst motiviert sein, neues zu lernen.

Auch den Umgang mit Misserfolg müssen Kinder erst lernen

Selbst wenn Eltern ihre Kinder sorgfältig beobachten, kann es passieren, dass ein gestecktes Ziel noch nicht erreicht, bzw. eine neue Fähigkeit nicht erlernt wird. Das ist natürlich kein Beinbruch. Denn irgendwann kommt der richtige Zeitpunkt und das Kind wird auch diese Hürde packen.

Nicht jeder Versuch wird sofort mit Erfolg gekrönt. Trotzdem kann man auch aus dieser Situation etwas positives lernen. Denn im besten Fall weiß man, welche Methode nicht funktioniert, oder beinahe zum Erfolg geführt hätte, und kann für den nächsten Versuch etwas mitnehmen.

Kinder müssen den Umgang mit Misserfolg jedoch erst einmal lernen. Das Erlernen von Frustrationstoleranz ist eine wichtige soziale Fähigkeit, die jeder Mensch erlangen muss. Eltern müssen ihre Kinder auf diesem Weg jedoch begleiten. Das Scheitern gehört zum Leben dazu, bedeutet keineswegs, dass man versagt hat, sondern nur, dass der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen war.

Option – Aufgeben

Hobbys sind eine tolle Sache – doch nicht selten hören Eltern Sätze wie:  „Ich mag nicht mehr zum Ballett – das ist doof!“.

Noch vor einem Jahr wurde gebettelt, und schon jetzt hat das Kind keine Lust mehr. Oft steckt jedoch weniger Unlust an der Sache dahinter, sondern das Erreichen des Ziels gestaltet sich schwieriger, als gedacht. Aufgeben und etwas neues zu beginnen, scheint für Kinder oft die einzig wahre Lösung.

Je jünger ein Kind ist, desto verständlicher ist es, dass man verschiedene Dinge ausprobieren muss, um herauszufinden was ihm liegt – und was nicht. Wo liegen seine Interessen und Talente? Allerdings kann (und sollte) man solch eine Schleife nicht ewig durchlaufen. Ab einem gewissen Punkt, sollte man sein Kind nicht vorschnell aufgeben lassen.

Nicht nur, dass Eltern meist viel Zeit und Geld für die Hobbys ihrer Kinder investiert haben, viel wichtiger ist, dass das Kind lernt, auch schwierige Phasen zu überwinden und nicht sofort aufzugeben. Daher sollten Eltern ihr Kind möglichst zum weitermachen ermutigen. Man kann über Ziele und Ängste reden. Eventuell Zwischenziele stecken, herausfinden, ob ein gefühlter Erfolgsdruck besteht.

Häufig geht es allerdings nicht nur um das eigentliche Lernziel. Hobbies im generellen können ganz gezielt den Intellekt und das Lernvermögen stützen. Am Beispiel Ballett weiß man, dass man wohl niemals ausgelernt hat. Es gibt immer Neues zu entdecken. Man misst sich auch mit anderen, und findet seinen Platz in einer Gruppe. Dies sind Dinge, die man im weiteren Leben immer wieder erfahren wird. Hält allerdings die Unlust an einem Hobby länger an, sollte man gemeinsam mit dem Kind herausfinden, woran es liegt. Vielleicht ist es einfach der falsche Verein oder das Hobby an sich liegt dem Kind nicht. Dann sollte man natürlich nach Alternativen suchen.

Die Eltern als Trainer

Beim Fußball wird man von einem Trainer gepusht. Er ruft vom Spielfeldrand seinen Spielern Motivation zu: „Ich weiß, dass du das kannst!“,  „Los, du schaffst das!“, „Trau dich, du haust den Ball jetzt rein!“.

Motivation eines Kindes
Ehrlich gemeinte Motivation macht glücklich. Im Sport und auch im Leben! (Bild: © VadimGuzhva / Adobe Stock)

Er feuert an, ermutigt, und macht auch schon einmal Druck – Dinge, die einen bemerkenswerten Erfolg mit sich ziehen. Und auch beim Erlernen neuer Fähigkeiten im Allgemeinen, ist das nötig. Kinder brauchen die Eltern oft auch als Trainer. Sie brauchen das Anfeuern, das Gefühl, dass die Eltern überzeugt sind, und natürlich das gut platzierte Lob.

Ein Lob ist jedoch nur dann wertvoll, wenn es auch wirklich ernst gemeint und verdient ist – selbst die Kleinsten können das bereits sehr gut unterscheiden. Ein Lob aus Rücksicht oder sogar aus Mitleid, kann ein Kind tief verletzen. Wenn also etwas nicht so gut gelaufen ist, dann sollte es kein Problem sein, das auch sensibel anzusprechen. Allerdings tut es trotzdem der Seele gut, wenn man noch betont, was denn besonders gut gelaufen ist!

Überforderung von Kindern erkennen

Woran können Eltern erkennen, dass ihr Kind mit einer Aufgabe überfordert ist? Das Scheitern ist natürlich oft ein Zeichen dafür, dass man noch nicht bereit für eine Aufgabe ist. Doch selbst wenn man eine Aufgabe erfolgreich meistert, kann man mit einer Sache überfordert sein.

Musste sich ein Kleinkind zum Beispiel gerade von seinem Schnuller trennen, hat aber keine neuen Strategien zum Stressabbau, kann die schnullerfreie Situation das Kind immens überfordern. Es wird sich dann in irgendeiner Form auffällig verhalten. Es könnte sein, dass es intensiv trotzt, weinerlich ist, oder andere Kinder beißt oder schlägt. Alles Ventile zum Stressabbau, die genutzt werden, weil es scheinbar keine Alternative gibt.

Zum Glück kann bei unserem Beispiel in Stresssituationen, meist schon ein Schmusetuch oder ein Kuscheltier zum Knuddeln Abhilfe schaffen. Doch nicht immer ist die Lösung so einfach.

Ist ein Kind überfordert, muss nach der Ursache gesucht werden. Die Frage lautet: Wer oder was löst den Druck aus? Sind es vielleicht die Eltern selbst, die zu viel von ihrem Kind erwarten? Oder sind es bestimmte Situationen? Ist die Ursache klar, ist die Lösung meist nicht weit.

Auch Unterforderung ist ein Problem für die Kindesentwicklung

Wenn man über die Probleme des Förderns der Entwicklung eines Kindes denkt, springt einem zwangsläufig die mögliche Überforderung in den Kopf. Doch auch das Unterfordern stellt für Kinder ein echtes Problem dar. Dies geschieht oft dann, wenn Eltern ihren Kindern zu wenig zutrauen, oder sie in ständiger Angst um ihre Kinder leben. Das Selbstbild des Kindes gelangt dabei in Schieflage. Neue Dinge fühlen sich auf diese Weise beinahe wie eine Bedrohung an.

Unterforderte Kinder werden oft als anstrengend empfunden. Sie fordern viel Aufmerksamkeit ein, haben viele Fragen, Pläne und Ideen, und versuchen andere damit zu begeistern. Damit sind Eltern im Alltag jedoch häufig überfordert. Manche beginnen sogar sich auffällig – meist störend – zu verhalten. Aber auch frustriertes Zurückziehen, und sich von allem abwenden, ist ein zu beobachtendes Verhalten.

Besonders im letzten Kindergartenjahr wird Unterforderung oft zum Problem. Die Spielsachen sind nach mehreren Kindergartenjahren langweilig, die kleineren Kinder uninteressant, und die Gruppenaktivitäten füllen nicht mehr aus. Dann sollten Eltern gegensteuern, indem sie außerhalb der Betreuungszeit, verschiedene anspruchsvollere Aktivitäten anbieten.

Das Erlernen eines Instruments oder einer Sprache, können für Ausgleich sorgen. Besuche von Museen, Konzerten oder Theateraufführungen. Ausflüge zu Burgen und Schlössern, Tierparks und Ausstellungen. Möglichst viele neue Eindrücke und Informationen können das Kind dann sinnvoll beschäftigen.


Wer hat's geschrieben?

Jacqueline Esser

Erzieherin, Mutter, Autorin

Jacqueline ist staatlich anerkannte Erzieherin, mit der Qualifikation zur Betreuung von Kindern unter drei Jahren. Diese Qualifikation hat sie bereits lange, bevor es als Pflichtteil zur Ausbildung aufgenommen wurde, freiwillig absolviert. Neben ihrer beruflichen Laufbahn, ist sie Mutter von zwei Kindern. Einem Mädchen und einem Jungen. Ihre Erfahrungen schöpft sie also aus beruflichen sowie privaten Herausforderungen. Dies macht sie zu einer perfekten Autorin für unser Magazin.

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