Wenn Oma kommt, ist die Welt für die meisten Enkelchen ein gutes Stück sonniger. Es gibt viele tolle Geschenke, eine extra Portion Eis, und die Gewissheit, dass sie auf gar keinen Fall vergessen wird, kurz bevor sie geht noch einmal ihr Portemonnaie in die Hand zu nehmen. Eine tolle Sache für die Kleinen – ein zweischneidiges Schwert für viele Eltern.

Oma Alarm – Konsum Alarm

Es ist der erste Sonntag im Monat. Das heisst, dass Oma und Opa sich in die besten Sonntagsklamotten schmeissen, um die Familie – und vor allen Dingen – die Enkel zu besuchen. Ein echter Grund zur Freude. Denn längst nicht mehr in vielen Familien ist es Tradition, sich regelmäßig gegenseitig zu besuchen. Man lebt in einer schnellen Zeit eben auch schnell aneinander vorbei. Gibt man sich aber die Mühe, trotz aller wideren Umstände dem Zeitgeist zu trotzen, ist man durchaus in der Lage, Großfamilie zu sein. Und dazu gehören ganz bestimmt nicht zuletzt: Oma und Opa.

Oftmals ist es allerdings so, dass Großeltern dazu neigen, annähernd jeden Besuch mit einem riesigen Sack voll mit Geschenken zu begehen. Das Klischee lässt es lediglich an der Oma aus. Das liegt wahrscheinlich daran, dass der Großvater meist bei aufkommenden Streitigkeiten seine Frau vorschickt. Sie wird das schon mit der Tochter oder der Schwiegertocher regeln, während er und Papa auf der Terasse über das „wahre Leben“ sinnieren. In der Küche kommt es derweil zu ernsthaften Auseinandersetzungen. Der wohl häufigste Satz in diesem Zusammenhang: „Ich bin jetzt Oma. Und eine Oma darf das!“.

Engstirnig? Verständnislos? Respektlos?

Grundsätzlich ist es natürlich nicht so, dass jede Familie in eine solche Situation gerät. Aber wenn es zum Konflikt kommt, dann meist lange nicht in einem Ausmaß bei dem Teller fliegen. Leider gibt es diese krassen Fälle aber nun doch. Es ist schlimm, dass sich solche Konfliktsituationen, welche ja eigentlich auf dem Rücken der Kinder und der Enkel ausgetragen werden, so immens hochschrauben können.

Viele stehen dann Abends sinnbildlich vor einem Fenster, starren vollkommen fertig in die Dunkelheit hinaus, und fragen sich, wie das alles nur so kommen konnte. Sie suchen nach Gründen in sich und in den eigenen Eltern.

Rollenbilder:

Wenn man Kinder bekommt, macht man sich viele Gedanken darüber, was jetzt mit dem eigenen Leben passiert. „Werde ich auf viel verzichten müssen? – Bin ich jetzt das, was man erwachsen nennt? – Bin ich auch wirklich bereit? – Ist meine Partnerschaft stabil und bereit?“ …
Das sind wirklich wichtige Fragen, die man sich auf jeden Fall stellen sollte. Und man sollte möglichst Antworten darauf finden, bevor man das Kinderkriegen angeht.

Was viele werdende Eltern allerdings dabei vergessen ist, dass es auch künftige Großeltern geben kann, die sich für diese Rolle vielleicht einfach noch nicht bereit fühlen. Vielleicht fühlen sie sich noch zu jung. Oder haben das Gefühl, dass ihr doch gerade erst aus dem Haus seid. Und sie fragen sich, wo die Zeit hingelaufen ist.

Auch Großeltern müssen sich ersteinmal in ihrer neue Rolle finden. Sie brauchen mitunter ein wenig Zeit, um zu verstehen, dass nun auch ihre eigenen Kinder zu Eltern geworden sind. Und darüber hinaus müssen sie anerkennen lernen, dass andere Eltern andere Regeln festlegen können, als sie es selber bei ihren Kindern getan haben. All das braucht beiderseits eine gewisse Zeit und eine gute Portion Geduld.

Der einzige Weg aus der Krise

Es gibt in jedem Fall einen ganz tollen Weg heraus aus dieser Krise. Allerdings bedeutet der Weg ein hartes Stück Arbeit. Ein intensives Gespräch ist der Schlüssel: Oben beschriebene Rollenverteilung muss dringend geklärt werden. Und zwar ohne Frust. Klingt schwierig – ist aber machbar! Denn jede Rolle hat für sich ganz einzigartige Vorteile.

Großeltern dürfen tatsächlich ab und an über den Dingen stehen. Sie sehen vieles etwas lockerer. Zum einen liegt das daran, dass sie normalerweise nicht mehr dem typischen Alltagsstress unterstehen. Und zum anderen haben sie selber schon Kinder groß gezogen. Oft ist es dann so, dass man bei seinen Enkeln gerne mal 5 gerade sein lässt. Auch wenn man das bei den eigenen Kindern niemals so gemacht hätte. Man war ja damals auch noch mitten im Alltagsstress.

Eltern haben die Zügel in der Hand. Und das sollte auch so bleiben. Für Kinder ist es sehr wichtig, dass sie alles, was sie mit anderen Erwachsenen als den Eltern erleben, immer wieder für sich selber hinterfragen können. „Was würden Mama und Papa jetzt sagen?“. Sie spüren sehr schnell, wenn die Oma oder der Opa nicht mit ihren Eltern an einem Strang ziehen. Da wird dann auch schonmal gerne heimlich das Geschenk angenommen. In Ausnahmesituationen ist das natürlich auch in Ordnung. Es darf aber nicht zur Regel werden. Ansonsten ist die Autorität der Eltern ernsthaft in Gefahr. Und auch die Großeltern sollten sich darüber im Klaren sein, dass diese verlorengegangene Autorität weit tiefer im Alltag fehlen wird, als dass es nur noch um heimlich eingesackte Geschenke geht.

„Der gemeinsame Weg ist das Ziel“

Wenn alle Beteiligten es schaffen ihre eigene Rolle zu verstehen und zu akzeptieren, kann man einen ganz besonderen – gemeinsamen Weg gehen. Das Ziel ist, sich gegenseitig da aufzufangen, wo die natürliche Grenze der jeweils anderen Rolle gesteckt ist.

Mama und Papa gehört der Alltag. Sie bekommen ihn ja schließlich auch mit voller Wucht zu spüren. Sie wissen wo es hakt und woran es fehlt. Und trotzdem ist die Lösung oft hinter einer dichten Wand voll Nebel eingesperrt. Und darüber hinaus fehlen jungen Familien oft die Mittel oder die Möglichkeiten, alles alleine zu stemmen.

Vollkommen aus den Fugen geratene Situationen und Konflikte, wie sie oben beschrieben sind, entstehen öfter als man denkt aus einer verletzten Gefühlswelt heraus. Wenn die Großeltern noch nicht in ihrer Rolle angekommen sind, sich emotional ausgeschlossen fühlen, werden sie nach Alternativen suchen, um ihrer Liebe zu den Enkeln gefühlt gerecht zu werden. Auch sie wollen Teil dieses großen Puzzles sein.

Damit dieser natürliche Drang keine ungesunden Ausmaße annimmt, sollte man unbedingt versuchen gemeinsame Ziele zu finden, welche es auch erfordern einen Teil des Weges gemeinsam zu bestreiten. Dieser darf dann auch gerne mal durch ein kleines Bonusgeschenk von der Oma gepflastert sein. Die Großeltern fühlen sich nun, was ihre Enkel angeht, nicht mehr so leer. Sie werden wesentlich seltener in alte Schemen zurück fallen.

Übrigens dürfen Kinder und Enkel auch gerne das Gefühl haben, sich gewisse Dinge verdienen zu müssen. Denn es ist etwas ganz tolles, wenn sie es schaffen. Sie erleben und empfinden Stolz und Respekt zugleich. Wenn das gut funktionert, bildet es auch hier niemals Frust, sondern ehrliche Nähe.

Über den Autor

Torsten Esser

Torsten hat das Vollzeit-Papa-Diplom. Er hat einen kleinen Sohn und eine Stieftochter, die er liebt, als wäre es seine eigene. Darüber hinaus hat er acht Semester lang "Soziale Arbeit" studiert. Mit einer unübertroffenen Mischung aus Wissen und Bauchgefühl, ist er der geborene Autor für dieses Magazin. Und ganz nebenbei kümmert er sich als Gründer und Inhaber von 1-2-family.de um alle Belange des Magazins.

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