Wie lange Stillen eigentlich medizinisch sinnvoll ist, darüber gibt es in Deutschland jetzt eine neue, verbindliche Antwort. Erstmals liegt eine evidenzbasierte S3-Leitlinie zur Stilldauer vor, die mindestens zwölf Monate Gesamtstilldauer empfiehlt.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Tatsächlich beabsichtigen fast 90 Prozent der Mütter, ihr Kind zu stillen. Allerdings sinkt diese Zahl in der Realität deutlich. Nach vier Monaten stillen nur noch 40 Prozent der Mütter ausschließlich. Eine Lücke, die nachdenklich macht.
Was bedeuten die neuen Empfehlungen konkret für euch? Wie unterscheiden sich die deutschen Vorgaben von denen der WHO? Und welche Vorteile hat Stillen tatsächlich für Mutter und Kind? In diesem Beitrag erfahrt ihr, wie lange Frauen im Durchschnitt tatsächlich stillen und was die neue Leitlinie für euren Alltag bedeutet.
Die neue S3-Leitlinie zur Stilldauer: Was empfehlen Experten?
Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) hat zwei zentrale Empfehlungen veröffentlicht, die für alle reifgeborenen Kinder gelten. 26 wissenschaftliche Fachgesellschaften und Berufsgruppen haben gemeinsam daran gearbeitet. Die Grundlage? Eine systematische Auswertung der verfügbaren wissenschaftlichen Literatur.
Mindestens 12 Monate Gesamtstilldauer
Die Gesamtstilldauer soll mindestens zwölf Monate betragen. Diese Empfehlung erhielt den Empfehlungsgrad A – die stärkste Empfehlungsstufe, die es gibt. Das bedeutet: Die Leitliniengruppe spricht hier eine besonders starke Empfehlung aus, die auf einer breiten Konsensbildung beruht. Der Grund liegt auf der Hand. Die meisten gesundheitlichen Effekte greifen vor allem, wenn Frauen länger stillen.
Ausschließliches Stillen bis zum 6. Lebensmonat
Reifgeborene Kinder sollten bis zum vollendeten sechsten Lebensmonat ausschließlich oder überwiegend gestillt werden. Diese Empfehlung erhielt den Empfehlungsgrad B, was ebenfalls eine starke Empfehlung darstellt. Aber was bedeuten die verschiedenen Begriffe genau?
- Ausschließliches Stillen: Ernährung ohne die zusätzliche Gabe von Flüssigkeiten, Flaschennahrung oder Beikost
- Überwiegendes Stillen: Zusätzlich zur Muttermilch werden Flüssigkeiten wie Wasser oder Tee gegeben
- Vollstillen: Beide Formen zusammen werden als Vollstillen bezeichnet
Wichtig zu wissen: Die Einführung von Beikost beendet das ausschließliche Stillen, jedoch nicht die Stillbeziehung an sich.
Evidenzbasierte Grundlagen der Empfehlungen
Auf welcher Datenbasis stehen diese Empfehlungen? Die beiden Empfehlungen basieren auf 49 evidenzbasierten Statements zu gesundheitlichen Effekten der Stilldauer. Diese beruhen auf 30 gut definierten Endpunkten, von denen sich 21 auf die Gesundheit des Kindes und neun auf die der Mutter beziehen. Zu den kindlichen Endpunkten gehören Infektionen wie Mittelohrentzündungen, chronische Erkrankungen wie Asthma oder atopische Dermatitis sowie Entwicklungsstörungen wie ADHS und Autismus-Spektrum-Störungen.
Dabei ist die Leitlinie durchaus ehrlich: Die zugrunde liegende Evidenzqualität ist überwiegend niedrig bis sehr niedrig, da sie größtenteils aus Beobachtungsstudien stammt. Allerdings ist die Qualität der herangezogenen Beobachtungsstudien sehr hoch.
Gesundheitliche Vorteile des Stillens für Mutter und Kind
Muttermilch ist weit mehr als nur Nahrung. Sie bietet eurem Baby genau das, was es in seinen ersten Lebensmonaten braucht: alle wichtigen Nährstoffe, körperliche Nähe und Unterstützung für sein Immunsystem. Die Vorteile gehen dabei weit über die reine Ernährung hinaus.
Vorteile des Stillens für die Kindergesundheit
Die Natur hat es perfekt eingerichtet: Die Zusammensetzung der Muttermilch passt sich automatisch den wachsenden Bedürfnissen eures Kindes an. Sie enthält die richtigen Eiweiße, Fette, Kohlenhydrate, Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine in genau der Menge, die euer Säugling braucht. Darüber hinaus stecken in der Muttermilch besondere Abwehr- und Schutzstoffe, die über den Darm aufgenommen werden und euer Kind vor Krankheiten schützen.
Babys die 6 Monate lang ausschließlich gestillt wurden, haben ein um 63 Prozent geringeres Risiko, an Durchfall zu erkranken. Bei Mittelohrentzündungen sinkt das Risiko um 43 Prozent. Das Risiko für Atemwegsinfekte, wie akute Bronchitis, reduziert sich um 32 Prozent. Besonders bemerkenswert: Das Risiko für eine Krankenhauseinweisung wegen Atemwegsinfekten, sinkt sogar um 57 Prozent.
Schutz vor chronischen Erkrankungen
Stillen zahlt sich langfristig aus. Bereits jegliches Stillen geht mit einem niedrigeren Adipositasrisiko (Übergewicht) einher, unabhängig von der Dauer. Bei Kindern von asthmatischen Müttern senkt ausschließliches Stillen das Risiko für Giemen – ein starkes Merkmal für späteres Asthma – um 67 Prozent. Kinder, die nicht gestillt wurden, haben bis zum Alter von drei Jahren, ein um 79 Prozent höheres Risiko, an Asthma zu erkranken.
Gesundheitliche Vorteile für die Mutter
Auch Mütter profitieren erheblich vom Stillen. Stillende Mütter erleben nach der Geburt eine schnellere Gebärmutterrückbildung. Zudem erkranken sie nachweislich (statistisch) seltener an Brust- und Eierstockkrebs. Eine Stilldauer von mehr als drei Monaten, führt bei Müttern zu langfristigen Veränderungen des Stoffwechsels und beugt Diabetes mellitus Typ 2 vor. Dieser Schutzeffekt kann bis zu 15 Jahre nach einer Schwangerschaftsdiabetes anhalten.
Langfristige positive Effekte
Die Wissenschaft hat noch mehr entdeckt: Die Stoffwechselprodukte von Frauen, die länger als drei Monate gestillt hatten, unterscheiden sich deutlich von jenen mit kürzeren Stillzeiten. Das längere Stillen ist mit einer veränderten Produktion von Phospholipiden und verringerten Konzentrationen von verzweigtkettigen Aminosäuren verbunden. Diese Stoffwechselprodukte wurden bereits in früheren Studien mit Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes in Verbindung gebracht.
WHO-Empfehlung vs. deutsche Leitlinie: Die Unterschiede
Bis zur Veröffentlichung der neuen S3-Leitlinie unterschieden sich die Empfehlungen deutscher Fachgesellschaften und der Weltgesundheitsorganisation deutlich. Dieser Unterschied sorgte immer wieder für Verwirrung bei Eltern, Hebammen und Kinderärzten, die wissen wollten: Wie lange ist das Stillen tatsächlich empfehlenswert?
Wie lange stillen laut WHO
Die WHO empfiehlt seit 2003, Säuglinge in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich zu stillen. Danach soll das Stillen parallel zur Beikosteinführung, bis zu zwei Jahre oder länger, fortgesetzt werden. Diese Empfehlung gilt weltweit und basiert auf der Annahme, dass die ersten zwei Lebensjahre eine kritische Phase für optimales Wachstum und Entwicklung sind. Muttermilch bleibt demnach auch im zweiten Lebensjahr eine wichtige Quelle für Energie und viele Nährstoffe.
Warum die deutsche Leitlinie 12 Monate empfiehlt
Deutschland ging bisher einen anderen Weg. Die bisherige Handlungsempfehlung lautete, Säuglinge vier bis sechs Monate ausschließlich zu stillen und danach weiterzustillen, solange Mutter und Kind dies wünschen.
Die neue Leitlinie gleicht sich nun der WHO-Empfehlung beim ausschließlichen Stillen an, setzt jedoch bei der Gesamtstilldauer auf mindestens zwölf Monate statt 24 Monate.
Regina Ensenauer, Vorsitzende der Nationalen Stillkommission, erklärt diese Entscheidung: Das Gremium habe sich wegen der günstigeren Studienlage auf die zwölf Monate fokussiert. Die Studienlage für 24 Monate Stilldauer sei lückenhaft. Außerdem orientierten sich die Autorinnen und Autoren an europäischen Leitlinien, sowie der nationalen Stillempfehlung. Allerdings stellen die zwölf Monate kein Maximum dar, sondern eine Mindestempfehlung.
Wie lange stillen Frauen im Durchschnitt in Deutschland
Die Realität sieht anders aus: Die durchschnittliche Stilldauer in Deutschland liegt bei etwa 8 Monaten. Laut Ergebnissen der KiGGS-Studie, wurden zwar 68 Prozent aller Säuglinge nach der Geburt ausschließlich gestillt. Allerdings zeigt sich eine deutliche Abnahme im Laufe der Zeit: Um die 57 Prozent wurden offenbar bis zum Ende des zweiten Lebensmonats ausschließlich gestillt. Vierzig Prozent bis zum Ende des vierten Lebensmonats, und nur knapp 13 Prozent wurden bis zum Ende des sechsten Lebensmonats ausschließlich gestillt.
Anhand einer repräsentativen Studie werden lediglich 16 Prozent der Kinder länger als 12 Monate gestillt. Zwischen Absicht und Wirklichkeit klafft also eine erhebliche Lücke.
Praktische Umsetzung und Unterstützung für stillende Mütter
Die neuen Empfehlungen sind wichtig, doch noch wichtiger ist, dass ihr euch bei eurer Entscheidung gut unterstützt fühlt. Praktische Hilfe und respektvolle Begleitung, machen den Unterschied.
- In der Schwangerschaft und vor allem in der Zeit nach der Geburt haben Mütter viele Fragen zum Stillen ihres Babys
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Beratung statt Druck: Individuelle Entscheidungen respektieren
Gute Stillbegleitung setzt übrigens schon an, bevor Probleme überhaupt entstehen. Anders als Stillberatung, die erst greift, wenn ihr bereits Hilfe braucht, geht es hier um präventive Arbeit. Ihr müsst kein konkretes Problem haben, um positive Unterstützung zu bekommen.
Professionelle Stillberaterinnen arbeiten evidenzbasiert, bindungsorientiert und ohne Druck. Das ist entscheidend. Entscheidungen sollt ihr auf Basis von Information treffen, nicht aus Verunsicherung. Jede Familie ist anders. Jede Stillbeziehung auch.
Stillförderung und Hilfsangebote in Deutschland
Deutschland hat erkannt, dass es stillfreundlicher werden muss. Im Juli 2021 beschloss das Bundeskabinett die Nationale Strategie zur Stillförderung. Über 150 Expertinnen und Experten entwickelten Maßnahmen dafür. Die Strategie zielt darauf ab, Rahmenbedingungen zu verbessern, die öffentliche Akzeptanz zu erhöhen – und euch nach individuellem Bedarf zu unterstützen.
Kostenlose Hilfe erhaltet ihr beispielsweise bei der AFS-Stillhotline unter 0228 92 95 9999. Rund um die Uhr. Ohne Vorwürfe.
Vereinbarkeit von Stillen und Alltag
Das Mutterschutzgesetz steht auf eurer Seite. Es sichert euch während der ersten zwölf Monate nach der Geburt bezahlte Stillzeiten zu. Bei Vollzeitarbeit stehen euch mindestens zweimal täglich 30 Minuten oder einmal 60 Minuten zu.
Diese Zeit darf weder vor- noch nachgearbeitet werden. Euer Arbeitgeber muss einen abschließbaren Raum mit Sitzgelegenheit, Waschbecken und Kühlschrank bereitstellen. Rund jede achte Frau kehrt schon im ersten Lebensjahr in den Beruf zurück. Der Spagat zwischen Beruf und Stillen ist möglich – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Wenn Stillen nicht möglich ist
Manchmal klappt es aber leider nicht. Oder ihr entscheidet euch bewusst dagegen. Beides ist völlig in Ordnung. Pre-Nahrung bietet dann eine sichere Alternative. Sie ist der Muttermilch so weit wie möglich angepasst und enthält alle Nährstoffe, die euer Baby braucht.
Egal wie eure Entscheidung ausfällt – wichtig ist, dass sie zu euch passt. Und dass ihr euch dabei unterstützt fühlt, nicht unter Druck gesetzt.
Die neue Leitlinie setzt mit zwölf Monaten Mindeststilldauer einen klaren Maßstab. Dass der Durchschnitt in Deutschland bei acht Monaten liegt, zeigt allerdings: Empfehlungen sind das eine, eure individuelle Realität das andere.
Nutzt die wissenschaftlichen Erkenntnisse als Orientierung, nicht als Druckmittel. Egal wie lange ihr letztendlich stillt, profitiert ihr und euer Baby von jedem Tag. Holt euch bei Bedarf professionelle Unterstützung und trefft eure Entscheidung informiert und selbstbestimmt.
FAQs zur neuen Stillleitlinie in Deutschland:
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