Es ist abends. Die Kinder schlafen endlich. Die Wohnung ist ruhig. Und zum ersten Mal an diesem Tag muss nichts mehr organisiert, entschieden oder begleitet werden. Mütter kennen diesen Moment nur allzu gut – und das Gefühl danach: tiefe Müdigkeit. Nicht die Art von Erschöpfung, die nach ein wenig Entspannung wieder vergeht, sondern ein Zustand von Ausgelaugtsein, der am nächsten Morgen sofort wieder da ist.
Doch woran liegt das? Ein zentraler Grund dafür ist der hohe innere Anspruch. Viele Frauen haben ein klares Bild davon, wie eine „gute Mutter“ zu sein hat: präsent, geduldig, belastbar und liebevoll. Dieser Anspruch, der auch durch die sozialen Medien verstärkt wird, prägt dann Entscheidungen und den Umgang mit sich selbst. Das eigene Empfinden tritt in den Hintergrund. Pausen werden verschoben, Grenzen übergangen.
Mütter brauchen “Räume”, in denen sie innehalten können
Gemeinsam mit Ulrike Remlein habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, Frauen in genau diesen Lebensphasen abzuholen. In unserer Arbeit begegnen uns immer wieder dieselben Muster: Frauen, die seit Jahren für alle da sind – und sich selbst dabei vollständig vergessen haben. Frauen, die nicht mehr wissen, was sie eigentlich brauchen, weil sie so lange nicht gefragt wurden.
Der Moment, in dem die Erschöpfung wirklich spürbar wird, ist selten der Anfang. Er ist meistens das Ende einer langen Strecke, auf der viele kleine Signale (bewusst) übergangen wurden. Und genau deshalb brauchen Frauen Räume, in denen sie nicht funktionieren müssen. Als dreifache Mutter habe ich das aus eigener schmerzhafter Erfahrung gelernt.
Geschützte Räume – ob in Form von therapeutischen Angeboten, Frauenkreisen, Retreats oder anderen Formaten – schaffen etwas, das im Alltag oft fehlt: die Erlaubnis, innezuhalten. Ohne Erwartungen von außen. Ohne die nächste Aufgabe im Blick. Hier erleben Frauen häufig zum ersten Mal seit langer Zeit, wie es sich anfühlt, nicht gebraucht zu werden – und das als Erleichterung zu empfinden, nicht als Versagen. Genau dort beginnt oft die eigentliche Veränderung.
Ruhe darf kein Luxus sein – diese Tipps helfen
Wenn es der Mutter/Frau gut geht, geht es ALLEN gut. Sie hat immer alles im Blick, sie liebt alle gleich. Oft sind es nicht die großen Veränderungen, die entlasten, sondern kleine, bewusste Verschiebungen im Alltag. Dabei können bereits einfache Ansätze helfen:
- Pausen bewusst einplanen, statt sie aufzuschieben: Kurze Momente der Ruhe im Alltag sind kein Luxus, sondern notwendig, um langfristig stabil zu bleiben. Auch fünf Minuten in Stille – ohne Handy, ohne To-do-Liste – können einen Unterschied machen.
- Den Körper wieder wahrnehmen: Viele Frauen leben so sehr „im Kopf”, dass sie Signale wie Verspannungen, flaches Atmen oder ein Ziehen im Magen kaum noch bemerken. Kurze Momente der Körperwahrnehmung im Alltag – bewusstes Durchatmen, Strecken, ein Moment des Innehaltens – helfen, wieder in Kontakt mit sich selbst zu kommen.
- Den Anspruch an Perfektion hinterfragen: Der Wunsch, allem gerecht zu werden, erzeugt häufig zusätzlichen Druck. Nicht alles muss gleichzeitig und perfekt gelingen.Die Frage „Gut genug – oder muss das wirklich perfekt sein?” setzt im Alltag viel Energie frei.
- Gedanken und Gefühle aussprechen, statt sie zurückzuhalten: Allein das Teilen kann entlasten und hilft, die eigene Situation klarer zu sehen. Das muss kein langes Gespräch sein – manchmal reicht es, einen Gedanken laut auszusprechen oder ihn aufzuschreiben. Oder sich am Ende des Tages ein kleines Check-in gönnen: Was hat mir heute gutgetan? Was hat mir gefehlt?
- Nein sagen üben – in kleinen Schritten: Nicht jede Anfrage muss sofort beantwortet werden. Eine Pause vor dem Ja schafft Raum, um zu prüfen, ob man wirklich möchte – oder nur glaubt, zu müssen.
Sich Unterstützung zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche
Erschöpfung wird oft zu lange still mitgetragen. Viele versuchen, weiter zu funktionieren, zweifeln an sich selbst und glauben, sie müssten nur „besser“ zurechtkommen. Dabei fehlt ein entscheidender Gedanke: Du bist damit nicht allein.
Denn das, was sich so privat und individuell anfühlt – diese Mischung aus Überforderung, Schuldgefühl und dem Gefühl, nie wirklich fertig zu sein – kennen unzählige Frauen. Es ist kein Zeichen persönlichen Versagens. Es ist eine geteilte Erfahrung. Und genau darin liegt eine enorme Kraft: Wenn Frauen beginnen, offen miteinander zu sprechen, passiert etwas Wichtiges. Der innere Druck lässt nach. Das Gefühl, die Einzige zu sein, die nicht funktioniert, löst sich auf.
Gemeinschaft wirkt. Nicht als schnelle Lösung, sondern als tragender Boden. Frauen, die sich regelmäßig mit anderen austauschen – ob im Gespräch mit Freundinnen, in einer Gruppe, in einem geschützten Rahmen oder ganz einfach im ehrlichen Gespräch mit der Nachbarin – berichten häufig, dass sich ihre Situation dadurch nicht verändert hat, und trotzdem alles etwas leichter wirkt. Weil geteilte Last tatsächlich weniger wiegt. Weil das Gehörtwerden etwas in uns stabilisiert, das allein kaum zu stabilisieren ist.
Sich Hilfe zu holen, die eigenen Gedanken zu teilen oder einfach auszusprechen, dass etwas zu viel wird, ist kein Zeichen von Versagen. Es ist ein Ausdruck von Selbstwahrnehmung – und von Mut. Denn es braucht Mut, zuzugeben, dass man Unterstützung braucht, in einer Zeit, die von Müttern so vieles gleichzeitig erwartet. Dieser Schritt lohnt sich. Nicht nur für einen selbst, sondern auch für die Kinder, die erleben, dass ihre Mutter nicht perfekt sein muss – sondern menschlich.
Über die Autorin
Alexandra Lehmann ist Heilpraktikerin, Geburtstraumaexpertin und Mitgründerin von „Das Rote Zelt“.
Seit mehr als 25 Jahren begleitet sie gemeinsam mit Ulrike Remlein sowie einem interdisziplinären Team Frauen auf ihrem Weg durch persönliche und emotionale Veränderungsprozesse. Ihre Arbeit verbindet medizinisches und therapeutisches Fachwissen mit körperorientierten Methoden und einem tiefen Verständnis für die Dynamiken weiblicher Lebensphasen.
Nach 20 Jahren Tätigkeit im Krankenhaus und in eigener Heilpraxis entwickelte sie einen Ansatz, der nicht auf reine Wissensvermittlung, sondern auf gelebte Erfahrung und Integration abzielt. Im Mittelpunkt steht dabei die Unterstützung von Frauen, ihre innere Orientierung wiederzufinden, eigene Muster bewusst wahrzunehmen und Entscheidungen aus einer stabilen inneren Haltung heraus zu treffen.
In den vergangenen Jahren hat Alexandra Lehmann gemeinsam mit ihrem Team über 30.000 Frauen in unterschiedlichen Formaten begleitet, von Workshops über Retreats bis hin zu langfristigen Entwicklungsprogrammen. Ihr Fokus liegt auf Veränderungsprozessen, die sich nicht nur im Denken zeigen, sondern im konkreten Alltag wirksam werden.
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