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Gewalt an Schulen in Niedersachsen: Was Eltern über die neuen Zahlen wissen sollten

Gewalt an Schulen in Niedersachsen: Was Eltern über die neuen Zahlen wissen sollten

Wenn unsere Kinder morgens zur Schule gehen, wünschen wir uns vor allem eines: Sie sollen dort sicher sein. Deshalb machen Meldungen über Gewalt auf Schulhöfen, in Klassenräumen oder in Klassenchats vielen Eltern Angst.

Neue Zahlen aus Niedersachsen zeigen nun: 2025 wurden im Umfeld von Schulen fast 5.000 Straftaten gezählt. Das klingt erschreckend. Allerdings waren es weniger Fälle als im Jahr davor.

Ganz so einfach ist die Lage also nicht. Einige Zahlen sind gesunken. Andere machen weiterhin Sorgen. Und viele verletzende Dinge, die Kinder erleben, tauchen in der Polizeistatistik überhaupt nicht auf.

Insgesamt wurden weniger Straftaten gemeldet

Im Jahr 2025 registrierte die Polizei in Niedersachsen 4.975 Straftaten mit Bezug zu einer Schule. Ein Jahr zuvor waren es noch 5.350. Die Zahl ist also um 375 Fälle gesunken. Das geht aus dem aktuellen Bericht des Landeskriminalamts Niedersachsen hervor.

Im Vergleich zu 2015 ist die Zahl allerdings gestiegen. Damals wurden 4.185 Taten erfasst. Das bedeutet aber nicht, dass die Gewalt seitdem jedes Jahr schlimmer geworden ist. 2019 lag die Zahl mit 6.097 Fällen sogar deutlich höher als heute. Während der Corona-Zeit sank sie stark ab. Danach stieg sie wieder. Es gibt also keine gerade Linie nach oben. Die Zahlen schwanken zum Teil erheblich.

Wichtig ist außerdem: Diese Angaben gelten nur für Niedersachsen. Sie sagen nichts darüber aus, wie sich Gewalt an Schulen in ganz Deutschland entwickelt.

Nicht jede Tat passiert im Klassenzimmer

Der Begriff „Schulkontext“ kann schnell missverstanden werden. Gemeint sind nicht nur Vorfälle im Schulgebäude. Auch Straftaten auf dem Schulweg, in einer Nachmittagsbetreuung oder während einer schulischen Arbeitsgemeinschaft können dazugehören.

Außerdem kennt die Polizei nur die Fälle, die gemeldet oder angezeigt werden. Wenn ein Kind über Wochen in einem Klassenchat beleidigt wird und niemand die Polizei einschaltet, erscheint dieser Fall möglicherweise nie in der Statistik. Die Zahlen zeigen deshalb nur einen Teil dessen, was Kinder und Jugendliche tatsächlich erleben.

Körperverletzungen bleiben ein ernstes Problem

Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Körperverletzungen. 2025 wurden 2.078 solcher Fälle registriert. Im Jahr 2015 waren es 1.130. Damit hat sich die Zahl innerhalb von zehn Jahren deutlich erhöht.

Im Vergleich zum Vorjahr gingen einfache Körperverletzungen allerdings zurück. Gefährliche und schwere Körperverletzungen stiegen leicht von 567 auf 582 Fälle. Bei Diebstählen sieht die Entwicklung ganz anders aus. 2015 wurden noch 1.641 Fälle erfasst. 2025 waren es nur noch 634.

Digitale Gewalt verfolgt Kinder bis nach Hause

Früher endete ein Streit oft mit dem Schultag. Heute kann er am Nachmittag im Klassenchat weitergehen. Eine beleidigende Nachricht, ein peinliches Foto oder ein weitergeleitetes Video erreichen innerhalb weniger Minuten eine ganze Klasse. Für ein betroffenes Kind fühlt sich diese Gewalt nicht weniger schlimm an, nur weil sie auf einem Handy stattfindet.

Digitale Gewalt lässt sich in der Polizeistatistik aber nur schwer erkennen. Sie ist kein eigener Straftatbestand. Je nach Fall kann es sich etwa um eine Beleidigung, Bedrohung, Nötigung oder das unerlaubte Verbreiten von Bildern handeln.

Auch Cybermobbing ist rein rechtlich nicht immer automatisch eine einzelne Straftat. Und trotzdem absolut belastend.

Der geplante neue Gewaltpräventionserlass für Niedersachsens Schulen soll digitale Gewalt ausdrücklich einbeziehen. Genannt werden unter anderem Cybermobbing und Cybergrooming. Schulen sollen dadurch klarere Regeln bekommen, wie sie auf solche Vorfälle reagieren.

Die neuen Regeln lassen weiter auf sich warten

Das Kultusministerium hatte den Entwurf für den neuen Erlass bereits im November 2025 vorgestellt. Verbände konnten bis zum 14. Januar 2026 dazu Stellung nehmen. Eigentlich sollte die neue Fassung im Frühjahr veröffentlicht werden. Bis zum 6. August 2026 war das aber noch nicht geschehen. Auf der Internetseite des Ministeriums findet sich weiterhin nur ein Entwurf. Sogar beim geplanten Datum steht dort noch ein Platzhalter.

Kultusministerin Julia Willie Hamburg kündigte nun an, der Erlass werde sehr zeitnah kommen.

Geplant ist unter anderem, dass jede Schule ein eigenes Konzept gegen Gewalt erarbeitet. Zusätzlich soll es ein Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt geben. Schulen, Jugendämter, Polizei und Staatsanwaltschaft sollen enger zusammenarbeiten. Das kann im Ernstfall helfen. Ein Plan allein schützt aber noch kein Kind.

Schulsozialarbeit kann Probleme früh erkennen

Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter erleben Kinder oft anders als Lehrkräfte. Sie vergeben keine Noten und stehen nicht vor der Klasse. Dadurch fällt es manchen Kindern leichter, sich ihnen anzuvertrauen.

Vielleicht zieht sich ein Kind plötzlich zurück. Vielleicht gibt es immer wieder Streit in einer Gruppe. Oder eine Freundin erzählt, dass jemand im Klassenchat fertiggemacht wird.

Wenn genug Zeit da ist, kann Schulsozialarbeit ansetzen, bevor ein Konflikt völlig eskaliert. Sie kann Kindern zuhören, mit Familien sprechen und bei Bedarf weitere Hilfe organisieren.

Nach Angaben der Landesregierung arbeiten in Niedersachsen mehr als 2.000 sozialpädagogische Fachkräfte an Schulen. Über das Startchancen-Programm können bis zu 380 weitere Vollzeitstellen entstehen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Schule eine eigene Schulsozialarbeiterin oder einen eigenen Schulsozialarbeiter hat. Manche Fachkräfte kümmern sich um mehrere Schulen. Andere stehen nur mit wenigen Stunden zur Verfügung.

Gewerkschaften kritisieren zudem, dass die Schulsozialarbeit im Entwurf des neuen Erlasses nicht ausdrücklich verankert wird. Auch zusätzliche Zeit und ausreichend Personal seien bisher nicht gesichert.

Diese Kritik ist nachvollziehbar. Meldeketten und Formulare können wichtig sein. Sie ersetzen aber keinen Menschen, der einem Kind wirklich zuhört.

Sind jetzt die Eltern schuld?

Die Kultusministerin aus Hamburg sagte im Gespräch mit der dpa, viele Elternhäuser würden einen friedlichen Umgang mit Konflikten nicht mehr so vorleben, wie das früher der Fall gewesen sei. Bei vielen Eltern dürfte dieser Satz einen wunden Punkt treffen.

Natürlich tragen Eltern Verantwortung. Kinder schauen sich ab, wie Erwachsene streiten, mit Wut umgehen oder über andere Menschen sprechen. Auch beim Umgang mit Klassenchats, sozialen Netzwerken und Spielen brauchen Kinder Begleitung.

Trotzdem greift es zu kurz, die Entwicklung pauschal mit dem Verhalten der Eltern zu erklären. Das LKA selbst nennt viele mögliche Gründe für Gewalt unter jungen Menschen. Dazu gehören soziale Probleme, psychische Belastungen, Armut, das Umfeld eines Kindes und die Folgen der Corona-Zeit.

Ein verändertes Verhalten von Eltern oder eine stärkere Mediennutzung können die deutlichen Schwankungen der vergangenen Jahre nach Ansicht des LKA nicht allein erklären.

Hinzu kommt: Manche Familien kämpfen selbst mit großen Problemen. Wer wenig Geld hat, psychisch belastet ist oder zu Hause Gewalt erlebt, braucht Hilfe. Eine pauschale Schuldzuweisung hilft diesen Eltern und ihren Kindern nicht weiter. Eltern müssen Verantwortung übernehmen. Schulen, Politik und Jugendhilfe aber genauso.

Was Eltern tun können

Wenn ein Kind von Gewalt, Bedrohungen oder digitaler Bloßstellung erzählt, ist der wichtigste erste Schritt: zuhören und das Kind ernst nehmen. Chatverläufe, Fotos oder Sprachnachrichten können als Beweis gesichert werden. Sie sollten aber nicht unnötig weitergeschickt werden, denn auch das ist mitunter recht schnell eine ganz verzwickte Handlung. Nicht zuletzt aus datenschutzrechtlichen Gründen.

Ansprechpartner können die Klassenleitung, die Schulleitung oder die Schulsozialarbeit sein. Auch Beratungsstellen und das Jugendamt können helfen. Bei einer akuten Bedrohung oder einem körperlichen Angriff sollten Eltern nicht zögern, die Polizei einzuschalten.

Die aktuellen Zahlen sind kein Grund, allen Schulen grundsätzlich zu misstrauen. Sie zeigen aber, dass Gewalt nicht kleingeredet werden darf. Kinder brauchen Erwachsene, die hinschauen, zuhören und handeln – in der Familie, in der Schule und in der Politik.


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