Teilen – Warum Kleinkinder nicht teilen wollen

Ob die Puppe, die Schaufel im Sandkasten, oder die geliebten Bonbons – Kleinkinder teilen nicht gerne. Sollen Kinder ihre Sachen mit anderen teilen, fließen nicht selten Tränen. Warum Kinder nicht gerne teilen und wie sie es doch noch lernen – lest ihr hier. 

Vollkommen unbeachtet liegt ein kleiner Eimer im Sandkasten. Pia sieht ihn, nimmt ihn und beginnt hingebungsvoll Sandkuchen zu backen. „MEINER! Das ist mein Eimer – gib den her!“ schallt es plötzlich aus der anderen Ecke des Sandkastens. Jan reißt Pia panisch den Eimer aus den Händen, Tränen schießen in seine Augen. Hilfesuchend wendet Jan sich an seine Mutter. Er will den Eimer einfach nicht teilen – auf gar keinen Fall. Mittlerweile weint auch Pia und die herbei geeilte Mutter steht ziemlich hilflos daneben.

So, oder so ähnliche Situationen, erleben Eltern immer wieder. Doch wie reagieren? Welcher super Erziehungstipp hilft in solch einer Situation, und warum reagiert das Kind mit einer solch heftigen Vehemenz?

Warum wollen Kleinkinder nicht teilen?

Auch wenn wir es nur kleinlaut zugeben möchten – Kinder sind von Natur aus kleine Egoisten. Den Eltern ist ein solches Verhalten äußerst unangenehm. Hat das eigene Kind auf dem Spielplatz mal wieder seine Schaufel mit vollem Körpereinsatz verteidigt, ist es Scham, Unverständnis und Zorn was Eltern empfinden. Den meisten ist bei der Erziehung wichtig, dass ihre Kinder sich sozial, empathisch und großzügig verhalten. Doch Kinder zeigen oft alles, nur nicht das. Denn die Natur hat etwas anderes vorgesehen – evolutionär ist der kleinkindliche Egoismus sinnvoll für das eigene Überleben.

Um das zu verstehen, muss ein Blick auf die Menschheitsgeschichte geworfen werden: Heute liegt die Kindersterblichkeit in Deutschland bei etwa 0,4%, doch vor 500-1500 Jahren erreichten nicht einmal 50% aller Kinder das 14.Lebensjahr. Die Hälfte aller zu der Zeit geborenen Kinder starb. Selbst vor 150 Jahren lag die Kindersterblichkeit noch bei über 25%. Die Sterblichkeit ist in den letzten Jahren zwar rapide gesunken, doch in den 99,99% der übrigen Menschheitsgeschichte waren Kinder permanent gezwungen, bitter um ihr Leben kämpfen.

Die Evolution hat genau dafür raffinierte Strategien erarbeitet – Babys wollen sich nicht ablegen lassen und wachen ständig auf, damit sie bloß nicht vergessen werden, sie wollen nicht alleine schlafen, um nicht schutzlos von wilden Tieren gefressen zu werden, und sie wollen nichts teilen. Denn wer von allem möglichst viel hatte, der hatte auch größere Chancen zu überleben. Die Kinder wuchsen in Großfamilien mit fünf bis zehn Geschwistern auf. Sie alle sind darauf programmiert, Ressourcen zu horten, Essen, Werkzeuge, mütterliche Aufmerksamkeit. Dies ist auch die Hauptursache für geschwisterliche Rivalität, die auch bis heute anhält. Wer Vorräte anlegen konnte, wer am lautesten Dinge einforderte, und wer seinen Besitz am besten verteidigte, hatte die besten Chancen, ein Alter zu erreichen, in dem die eigenen Gene weitergegeben werden können. Unsere Kinder sind also (rein verhaltensbiologisch) noch auf dem Niveau von Steinzeitmenschlein.

Niemand teilt gerne

Für Eltern ist auf den ersten Blick unverständlich, warum sich die Kinder gegen das Teilen so rigoros wehren. Schließlich handelt es sich in der Regel um Spielzeug, das nach kurzer Zeit wieder zurück gegeben wird, es kann eigentlich nicht kaputt gehen, und ein Verlust ist unwahrscheinlich – wo also liegt das Problem? Für uns selbst jedenfalls wäre es selbstverständlich und unproblematisch, auch mal den geliebten Eimer zu teilen.  Wir wissen schließlich, dass Teilen etwas Gutes ist, etwas was uns soziale Anerkennung bringt und anderen eine Freude bereitet. Doch Kinder müssen das erst lernen.

Wie  Kinder Teilen lernen

Die größte Hürde beim teilen lernen sind meist tatsächlich die Eltern. Denn grundsätzlich haben sie das Bedürfnis, die Kinder zu schützen. Eltern versuchen alles zu vermeiden, was ihre Kinder in einem schlechten Licht stehen lassen könnte. Daher schreiten sie in den allermeisten Fällen ein, wenn ihre Kinder Spielzeug und Süßigkeiten nicht teilen wollen. Sie fungieren als Richter. Dabei würden Kinder in den meisten Situationen tatsächlich ohne Hilfe eine Regelung finden.

Selbst Lösungen zu finden und Einigungen zu erzielen, ist ein wichtiger Weg zum teilen lernen und stärkt außerdem enorm das Selbstvertrauen. Betrachtet man die einzelnen Situationen aus Kindersicht, wird deutlich, dass die anderen Kinder das Verhalten als vollkommen normal betrachten – schließlich wollen diese auch nicht wirklich teilen.

Zwar gibt es auch diejenigen Kinder, die unaufgefordert alles teilen, doch steckt dahinter meistens das beharrliche Auffordern der Eltern aus der Vergangenheit. Diese Kinder wissen einfach bereits, dass man teilen von ihnen erwartet – sie handeln also vornehmlich, um ihren Eltern zu gefallen. Weniger Probleme mit dem Teilen gibt es übrigens bei Spielzeug, das Kindern nicht so wichtig ist – die Lieblingspuppe hingegen würde niemals geteilt werden.
Die anderen Kinder finden also das Benehmen unseres Kindes wahrscheinlich weder außergewöhnlich noch befremdlich. Würde man also zu ihnen sagen „Tut mir leid. Jan mag dieses Spielzeug gerade nicht abgeben“, wäre das für das Kind aller Wahrscheinlichkeit nach vollkommen in Ordnung.

Teilen ist ein Entwicklungsschritt

Doch eigentlich ist Teilen nichts was Kinder lernen müssen. Denn es ist ein Entwicklungsschritt, der den Kindern die Fähigkeit vermittelt zu teilen. Kognitiv sind Kinder erst im Alter zwischen 3 und 4 Jahren in der Lage, aus eigenem Antrieb heraus zu teilen. Erst wenn sie Empathie empfinden können, realisieren Kinder, dass das andere Kind nur daran interessiert ist, das Spielzeug für einen kurzen Augenblick zu borgen. Erst dann wissen sie, das keine Notwendigkeit besteht, das Eigentum zu verteidigen.

Auch zu verstehen, dass das andere Kind traurig und enttäuscht ist, wenn es so schroff abgewiesen wird, erfordert empathische Fähigkeiten. Doch dafür muss das Kind selbst die Erfahrung machen, wie es empfindet, wenn es Interesse an dem Spielzeug anderer hat, und dabei auf Widerstand trifft. Bis zur Entwicklung der benötigten Empathiefähigkeit ist es sinnvoll, Kinder bei der Verteidigung seiner Besitztümer zu unterstützen. Sie sollten das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse geachtet und verstanden werden. So fällt ihnen das spätere Teilen umso leichter.

Vorbildlich teilen

Kinder orientieren sich an Vorbildern. Wie in vielen anderen Lebenslagen, ist es wichtig, ein gutes Vorbild für sein Kind zu sein. Sehen die Kinder, dass auch Mama und Papa mit Freude und Spaß teilen, werden auch sie schneller Interesse daran zeigen. Wer den Entwicklungsprozess unterstützen möchte, sollte den Kindern außerdem seine Freude zeigen, wenn es selbst etwas teilt. Sollte das Kind also seine Gummibärchen mit Mama, Papa und Geschwistern teilen, sollte es dafür gelobt werden.
Positive Erfahrungen beim Teilen lassen Kinder schneller und besser Loslassen und auch ihre eigenen Dinge besser teilen.
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