Fast ein Drittel aller Schulanfänger in NRW versteht die deutsche Sprache offenbar nicht gut genug, um im Schulalltag entspannt mitzuhalten. ABC-Klassen sollen das nun ändern. Hier erfahrt ihr, worum es da in NRW geht. Und zum Schluss gibt es noch ein wenig Meinung von mir.
Zahlen aus den jüngsten Schuleingangsuntersuchungen lassen aufhorchen. Etwa 30 Prozent aller Kinder verfügen nicht über hinreichende Sprachkenntnisse, um am Unterricht teilnehmen zu können. Eine Tatsache, die die Landesregierung nun zum Handeln bewegt hat. Ab 2029 wird die vorschulische Sprachförderung daher zum verpflichtenden Standard in Nordrhein-Westfalen.
Was bedeutet das konkret? Die geplanten ABC-Klassen sollen laut Landesregierung künftig allen Kindern gleiche Startchancen im Bildungssystem ermöglichen. Nach aktuellen Schätzungen könnten etwa 50.000 Kinder an diesem Förderprogramm teilnehmen. Kinder mit festgestellten Sprachdefiziten müssen im Jahr vor ihrer Einschulung regelmäßig spezielle Förderklassen besuchen – in der Regel zweimal wöchentlich für jeweils zwei Stunden. Dafür wird sogar der Zeitpunkt der Schulanmeldung vom Herbst auf das Frühjahr vorgezogen. Das Ziel ist klar: Alle Kinder sollen mit den möglichst gleichen sprachlichen Voraussetzungen ihre Schullaufbahn beginnen können.
Land NRW führt verpflichtende ABC-Klassen ein
Mit dem Beschluss des Landeskabinetts wurde der Weg für ein neues Bildungskonzept freigemacht: die landesweiten ABC-Klassen. Diese sollen ab dem Schuljahr 2028/29 verbindlich eingeführt werden und eine verpflichtende Sprachförderung für Kinder mit (für die Einschulung) unzureichenden Deutschkenntnissen bieten.
Warum Sprachförderung zum Vorschulstandard wird
“Ohne ausreichende Sprachkompetenz endet Bildung für viele Kinder, bevor sie so richtig begonnen hat”, erklärt Ministerpräsident Hendrik Wüst. Die ABC-Klassen sollen sicherstellen, dass Schulbildung von Anfang an bei allen Kindern ankommt.
Der Gedanke dahinter ist erst einmal nachvollziehbar: Sprache und Bildung gehören untrennbar zusammen. Eine altersgemäße Sprachentwicklung und ausreichende Deutschkenntnisse, bilden das Fundament für erfolgreiches Lernen. Nordrhein-Westfalens Schulministerin Dorothee Feller (CDU) macht daher unmissverständlich klar: “Wir müssen jetzt mal handeln”. Es geht schließlich um nichts Geringeres, als die Zukunft der Kinder.
Der systematische Ansatz der Landesregierung soll allen Kindern vergleichbare sprachliche Startbedingungen ermöglichen. Bislang wurden nur Kinder, die keine Kindertageseinrichtung besuchen, mit dem Verfahren “Delfin 4” auf ihre Sprachkenntnisse überprüft. Das ändert sich grundlegend. Künftig soll eine landesweit einheitliche Sprachstandsfeststellung für alle Kinder bei der Schulanmeldung stattfinden.
Was die Schuleingangsuntersuchung über Sprachdefizite zeigt
Die Schuleingangsuntersuchungen sind gesetzlich vorgeschrieben und werden in der Regel von Mitarbeitern des örtlichen Gesundheitsamtes durchgeführt. Die Auswertungen belegen: Etwa ein Drittel aller Kinder eines Jahrgangs in NRW, verfügt nicht über ausreichende Sprachkenntnisse, um aktiv am Unterricht teilnehmen zu können.
Die Untersuchungen zeigen Muster auf. Bei Kindern mit Migrationsgeschichte werden nachvollziehbarerweise häufiger Probleme mit der Sprache festgestellt. Aber auch soziale Faktoren spielen eine Rolle: Bei Kindern aus bildungsfernen Familien wird deutlich häufiger ein Sprachförderbedarf diagnostiziert. Zahlen aus Niedersachsen sprechen eine klare Sprache: Bei rund 40 Prozent der Kinder aus bildungsfernen Familien, wurden Auffälligkeiten bei der Sprachentwicklung festgestellt – mehr als doppelt so viele, wie bei Kindern aus bildungsnahen Familien (18 Prozent).
Es zeigen sich aber auch geschlechtsspezifische Unterschiede: In den Jahren 2015 bis 2024 wurde bei mehr Jungen als Mädchen ein Sprech- und Sprachförderbedarf festgestellt. Unabhängig vom Sozialstatus der Eltern.
Wie die ABC-Klassen in der Vorschule umgesetzt werden
Mit dem Gesetzentwurf der Landesregierung, werden die ABC-Klassen erstmals flächendeckend umgesetzt. Der Zeitplan steht fest – und die praktische Umsetzung ist bereits durchgeplant.
Frühere Anmeldung zur Grundschule ab 2028
Die Schulanmeldung wird ab 2028 vom Herbst auf das Frühjahr des Jahres vor der Einschulung vorverlegt. Dadurch möchte man erreichen, dass Schulen und Lehrkräfte wertvolle Zeit für eine gezielte Förderung bis zum Schulbeginn gewinnen. Diese frühzeitige Erfassung soll eine landesweit einheitliche Sprachstandsfeststellung bei allen Kindern während der Schulanmeldung ermöglichen. Für Kinder, die ab dem 1. August 2029 schulpflichtig werden, gilt bereits die Teilnahmeverpflichtung.
Ablauf und Umfang der Sprachförderung
Kinder mit Förderbedarf der Deutschkenntnisse, besuchen im Jahr vor der Einschulung verpflichtend eine ABC-Klasse. Die ersten verpflichtenden ABC-Klassen starten im Schuljahr 2028/29. In diesen Förderklassen stehen sprachliche und kommunikative Fähigkeiten im Mittelpunkt. Darüber hinaus sollen aber auch allgemeine kognitive, sozial-emotionale und körperlich-motorische Lernvoraussetzungen gestärkt werden.
Verantwortung der Schulen und Sozialpädagogen
Die ABC-Klassen liegen in schulischer Verantwortung und können in unterschiedlichen Räumlichkeiten stattfinden. In öffentlichen Schulen, Kindertageseinrichtungen, oder an anderen geeigneten Orten. Für die Durchführung sind Grundschullehrkräfte sowie sozialpädagogische Fachkräfte aus der Schuleingangsphase vorgesehen. Die Schulaufsicht weist die Kinder nach Anhörung des Schulträgers einer ABC-Klasse zu.
Verpflichtende Teilnahme
Für Kinder, die bereits eine Kindertageseinrichtung besuchen, organisiert der Schulträger die Beförderung zwischen Kita und ABC-Klasse. Darüber hinaus werden für Kinder ohne Kita-Platz die Fahrkosten für die wirtschaftlichste Beförderung erstattet. Die Teilnahme ist verpflichtend.
Was hinter dem Modell ABC Plus steckt
Parallel zu den standardmäßigen ABC-Klassen entwickelt das Land NRW mit “ABC Plus” ein erweitertes Fördermodell, das zusätzliche Unterstützung für Kinder mit besonderen Herausforderungen vorsieht. Dieses Angebot richtet sich gezielt an Schulanfänger, die voraussichtlich mehr Zeit benötigen, um sich in der Schule einzuleben.
Verlängerung der Schuleingangsphase auf drei Jahre
Bereits heute verbringen in NRW etwa 15 Prozent eines Jahrgangs, drei Jahre in der eigentlich zweijährigen Eingangsphase. ABC Plus wird nun systematisch im Schulgesetz verankert und bereits vor dem Schulstart geplant. Die Schuleingangsphase kann damit offiziell auf drei statt zwei Jahre ausgedehnt werden. Eine Maßnahme, die besonders Kindern mit größerem Förderbedarf zugutekommen soll.
Flexibilität bei Lernfortschritten
Das System soll jedoch flexibel und anpassungsfähig bleiben. Zeigt sich im Verlauf der Schuleingangsphase, dass die Lernziele früher als erwartet erreicht werden, kann die ursprüngliche Entscheidung an den tatsächlichen Lernfortschritt des Kindes angepasst werden. Diese Flexibilität soll verhindern, dass Kinder unnötig lange in der Schuleingangsphase verweilen, wenn sie sich schneller als erwartet, gut im Schulalltag zurechtfinden.
Wer die ABC-Klassen kritisiert und wie das Land NRW reagiert
Allerdings ist längst nicht jeder von diesem Konzept so begeistert, die wie nordrhein-westfälische Landesregierung. Bildungsexperten, Gewerkschaften und Opposition äußern fundamentale Bedenken zur praktischen Umsetzbarkeit und zur pädagogischen Ausrichtung. Einige Bedenken sind (vorsichtig ausgedrückt) absolut nachvollziehbar.
Kritik von SPD und Lehrerverbänden
Die SPD-Fraktion hält wenig von den Plänen der Landesregierung. Sie bezeichnet die ABC-Klassen als “schlechte Kopie” eines echten Chancenjahres. Der bildungspolitische Sprecher Jochen Ott bemängelt, dass sich der Ansatz zu stark auf die Sprachförderung konzentriere und andere Entwicklungsbereiche der Kinder ausblende. Zudem kritisiert er den defizitorientierten Ansatz, bei dem Kinder mit Förderbedarf in einer fremden Umgebung zusammengezogen würden.
Noch deutlicher wird der KiTa Zweckverband. Er warnt vor einer “frühen Verschulung” und betont, dass Kinder unter sechs Jahren spielerisch, über Beziehungen – und mit allen Sinnen lernen. Die Geschäftsführerin Verena kleine Holthaus, fordert mehr Investitionen in bewährte, alltagsintegrierte Sprachbildung, anstatt in ein “verschultes System”. Man kann ihre Sorgen verstehen – denn Kitas wissen (logischerweise) sehr genau Bescheid über Probleme und Sorgen in der Vorschularbeit.
Mangel an Personal und Räumen
Besonders brisant ist die Personalsituation. Wo sollen all die Lehrkräfte herkommen? Die Bildungsgewerkschaft GEW weist darauf hin, dass bereits jetzt mehr als 8.000 Lehrkräfte in Nordrhein-Westfalen fehlen. Die Landesvorsitzende Ayla Çelik bringt es auf den Punkt: “Jedes gute Konzept wird wirkungslos, wenn es an den Menschen, an den Köpfen fehlt, die es umsetzen sollen”.
Ähnlich sieht es der Verband Bildung und Erziehung (VBE). Auch hier fragt man sich kritisch, woher das Personal kommen soll, da schon heute an vielen Grundschulen sowohl Lehrkräfte als auch sozialpädagogische Fachkräfte fehlen. Darüber hinaus fehlt es an Räumlichkeiten, da viele Grundschulen bereits überfüllt sind. Ein Problem, das wohl allen Beteiligten Kopfzerbrechen bereitet.
Finanzielle Zusagen an Kommunen
Das Schulministerium rechnet mit rund 1.600 Stellen für die ABC-Klassen – Lehrkräfte und Sozialpädagogen zusammengenommen. Allein für Personalkosten werden etwa 100 Millionen Euro veranschlagt.
Schulministerin Feller lässt keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit: “Das Vorhaben ist jede Mühe wert. Wir stehen zu unseren Verpflichtungen und werden die Mehrkosten, die den Schulträgern entstehen, ausgleichen”. Die zusätzlichen Kosten für Beförderung der Kinder, Raumbedarf, Ausstattung und Lernmittel, sollen ab 2028 über ein Belastungsausgleichsgesetz kompensiert werden.
Gesetzesverfahren und Zeitplan
Derzeit liegt ein entsprechender Gesetzentwurf vor, zu dem Verbände, Organisationen und Fachleute bis Mitte Februar 2026 Stellung nehmen können. Anschließend prüft die Landesregierung alle Rückmeldungen und legt den überarbeiteten Entwurf dem Landtag zur Entscheidung vor. Das Schulministerium wird außerdem einen Grundlagenerlass, sowie Materialien für die inhaltliche Ausgestaltung erarbeiten. Ob am Ende alle Beteiligten zufrieden sein werden, bleibt abzuwarten.
Diese ABC-Klassen sollen ein wichtiger Schritt sein, um Kindern unabhängig von ihrer Herkunft gleiche Bildungschancen zu ermöglichen. Ob das ambitionierte Vorhaben aber den hochgesteckten Erwartungen gerecht wird, wird man wohl erst sehen, wenn es eine Weile lang läuft.
Trotzdem darf man die erheblichen Herausforderungen nicht kleinreden. Der akute Lehrermangel und fehlende Räumlichkeiten, könnten die Auslastung und Wirksamkeit des Programms erheblich einschränken.
Die Kritik am “verschulten System” ist meiner Meinung nach absolut berechtigt. Man kann also nur hoffen, dass die Verantwortlichen einen intensiven Blick in andere Länder werfen, in denen Vorschule seit langem erfolgreich praktiziert wird.
Mein persönlicher Eindruck: Das kann schief gehen
Sowohl das Kitasystem, als auch das Schulsystem, sind personell derart kritisch am Limit, dass es beinahe naiv wirkt, solch ein Vorschulsystem alleine in die Hände von Schule zu geben. Erzieher/innen ärgern sich schon seit Jahren, dass die Vorschularbeit aufgrund von Personalknappheit, teilweise systematisch, in ihren Häusern heruntergefahren werden muss. Allerdings sind sie diejenigen, die das passende Expertenwissen für das Lernen im Kitaalter besitzen.
Nun will ich engagierten Grundschullehrern und Sozialpädagogen (immerhin habe ich das selbst einmal studiert) nicht absprechen, dass sie sich da nicht gut einarbeiten könnten. Trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass dieses Modell nur erfolgreich sein kann, wenn Kitas und Schulen ihre Kräfte (und ihr Wissen) bündeln, um gemeinsam einen guten (und besseren) Übergang hin zur Einschulung zu schaffen.
Denn eines ist klar: 2×2 Stunden pro Woche, sind nur ein kleiner Teil des Alltags der ABC-Kinder. Im schlimmsten Fall werden diese Kinder 4 Stunden pro Woche aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen, um den Rest der Woche völlig überreizt in ihrer Kita zu verbringen. Der beste Fall wäre sicherlich gemeinsames Lernen mit Schul- und Kitapersonal in gewohnter Umgebung. Spielerisch und altersgerecht. Auf diese Weise lernen Kita und Schule (nebenbei) eine ganze Menge über die aktuellen Bedürfnisse des jeweils anderen Systems.
Ich befürchte, dass sich sowohl Schulen als auch Kitas mit den aktuellen Plänen überrumpelt fühlen könnten. Es macht doch keinen Sinn, dass man mit einer grundsätzlich gut gemeinten Sache, potenziell gleich zwei (bereits sehr belastete) Systeme überfordert, weil man nicht bedenkt, sie zu vernetzen.
Die Absichten sind absolut lobenswert. Am System sollte man (bitte bitte) noch ausführlich feilen.
Wir hoffen sehr, dass dir unser Artikel gefallen hat. Vielleicht hat er dir geholfen, eine Frage zu beantworten. Oder er hat dich nachdenklich, traurig oder fröhlich gestimmt. Wir freuen uns jederzeit über deine Rückmeldung oder Anregung per Kommentar, Email oder Social-Media. Gerne kannst du uns auf Facebook, Pinterest oder Flipboard folgen. Wir freuen uns auch dich! 🤗
