Ihr habt den Grundstückskaufvertrag unterschrieben, der Architekt zeigt erste Entwürfe, und der Bauantrag ist in Vorbereitung. Inmitten dieser Phase erreicht euch der Begriff ‘Lüftungskonzept’. Oft wird er vom Energieberater nur beiläufig erwähnt, schnell abgehakt mit dem Satz: ‘Das machen wir dann später.’ Das ist einer der folgenschwersten Fehler, den ein Bauherr begehen kann. Denn das Lüftungskonzept ist weder Kür noch optionales Extra. Es ist eine baurechtlich verankerte Pflicht, die massive Auswirkungen auf eure Bausubstanz, eure Gesundheit und eure laufenden Energiekosten hat. Diese Checkliste zeigt euch, worauf es bei der Lüftung im Eigenheim wirklich ankommt.
1. Pflicht oder nicht? Die Rechtslage verstehen
Zunächst die klare Antwort: Ja, für nahezu jeden Neubau und für viele Sanierungen ist ein Lüftungskonzept Pflicht. Grundlage ist die DIN 1946-6. Sie gilt immer dann, wenn die Dichtheit des Gebäudes so hoch ist, dass der natürliche Luftwechsel durch Fugen und Undichtigkeiten nicht mehr ausreicht, um Feuchteschäden zu vermeiden.
Bei Neubauten ist das aufgrund der Energieeinsparverordnung (EnEV) bzw. des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) fast immer der Fall. Aber Achtung: Auch beim Austausch alter Fenster gegen moderne, dichte Modelle in einem Altbau wird die Pflicht zum Lüftungskonzept aktiv. Lässt der Fensterbauer dies außer Acht und es entsteht Schimmel, haftet er.
Lasst euch sich also immer den Nachweis vorlegen. Das Konzept kann entweder eine freie Lüftung (Fenster) als ausreichend deklarieren – das ist bei sehr kleinen oder ungünstig geschnittenen Räumen oft nicht der Fall – oder eine ventilatorgestützte Lüftung vorschreiben.
2. Die Systemfrage: Abluft oder Balanciert?
Euer Lüftungskonzept wird euch zwei grundsätzliche Wege aufzeigen. Der erste Weg: die reine Abluftanlage (System C). Hier wird verbrauchte Luft aus Küche, Bad und WC abgesaugt. Frische Luft strömt über Außenwanddurchlässe (ALD) in den Wohn- und Schlafräumen nach. Vorteil: günstiger in der Anschaffung, weniger Kanalarbeit. Nachteil: Ihr verliert Wärme, da die nachströmende Luft nicht vorgewärmt wird.
Der zweite Weg: die balancierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung (System D/WRG). Hier wird sowohl zu- als auch abgeführt. Die Wärme der Abluft wird über einen Wärmetauscher an die frische Außenluft übertragen. Die Effizienz moderner Geräte liegt bei 85 % bis 95 %. Das bedeutet: Bei einer Außentemperatur von -10 °C kommt die Luft mit etwa 17 °C bis 18 °C im Raum an. Keine kalte Zugluft, keine hohen Nachheizkosten.
Die Mehrinvestition für System D amortisiert sich bei aktuellen Energiepreisen innerhalb von 8 bis 12 Jahren. Bei einer Lebensdauer von 20+ Jahren ist es die wirtschaftlichere Wahl.
3. Zentrale Kanalstrategie: Platz ist in der kleinsten Hütte
Der häufigste Grund für Murks an der Lüftung ist Platzmangel. Die zentrale Lüftungsbox braucht einen festen Platz. Sie ist etwa so groß wie ein Kühlschrank (je nach Modell 60x60x180 cm). Sie benötigt Strom, einen Kondensatablauf und vor allem: Schallschutz. Hängt ihr die Box einfach an eine ungedämmte Holzständerwand, wird das gesamte Obergeschoss zum Resonanzkörper. Plant daher einen eigenen Technikraum, oder zumindest eine abgetrennte Nische, mit Massivwänden oder einer zusätzlichen Vorsatzschale.
Die Verteilung der Kanäle sollte bereits in der Rohbauplanung berücksichtigt werden. Flache Kanalführungen (Flachkanal 55 mm Höhe) lassen sich gut im Estrich unterbringen, Runde Kanäle (75 mm oder 90 mm), benötigen abgehängte Decken. Wer erst beim Innenausbau merkt, dass der Kanal nicht durch den Unterzug passt, hat ein teures Problem. Plant also die Lüftung parallel zur Heizung, nicht nach der Elektroplanung.
4. Schallschutz: Der unterschätzte Komfortfaktor
Ein Lüftungssystem muss nicht nur Luft transportieren, sondern auch Ruhe bringen. Die Anforderung der DIN 4109 (Schallschutz im Hochbau) setzt Grenzwerte für installationstechnische Geräusche.
In Schlafräumen dürfen haustechnische Anlagen nachts nicht hörbar sein (Anforderung: maximal 25 dB(A) Spitzenpegel). Das erreicht ihr nicht allein mit einem leisen Gerät. Entscheidend sind Rohrschalldämpfer, die direkt hinter dem Gerät in den Zuluft- und Abluftstrang eingebaut werden. Diese kompakten Kästen sind mit Mineralfasern ausgekleidet und absorbieren die Ventilatorgeräusche, bevor sie ins Kanalnetz gelangen.
Auch Körperschallentkopplung ist essenziell: Verwendet flexible Anschlussstutzen zwischen Gerät und starrem Kanal. Plant diese Komponenten fest ein. Sie machen den Unterschied zwischen ‘die Anlage brummt’ und ‘läuft die überhaupt?’.
5. Bedarfsführung: Smarte Sensorik statt Dauerlauf
Das Mantra der 2010er Jahre war ’24/7 Grundlüftung’. Das ist energie- und filtertechnisch nicht optimal. Die heutige, intelligentere Strategie heißt bedarfsgeführte Lüftung. In den Räumen werden Sensoren installiert:
Feuchtesensoren in Bad und Küche, CO2-Sensoren im Schlafzimmer und Wohnzimmer. Die Lüftungszentrale regelt ihre Drehzahl basierend auf den tatsächlichen Werten. Ist das Bad den ganzen Tag ungenutzt, läuft die Lüftung auf Sparflamme. Wird abends geduscht, erkennt der Sensor den Anstieg der relativen Luftfeuchtigkeit – und schaltet die Stufe hoch.
Der Vorteil: weniger Filterverschmutzung, geringerer Stromverbrauch, höhere akustische Akzeptanz. Fragt euren Fachplaner gezielt nach einem System, das diese Sensorik serienmäßig integriert. Nachrüsten ist teuer und oft nicht mehr möglich.
6. Förderung: Geld vom Staat für saubere Luft
Die KfW fördert Lüftungsanlagen im Programm ‘Bundesförderung für effiziente Gebäude’ (BEG). Bei Einzelmaßnahmen (Sanierung) gibt es Zuschüsse von 15 % bis 20 % der förderfähigen Kosten, sofern die Anlage bestimmte Effizienzkriterien erfüllt.
Dazu gehört ein nachgewiesener Wirkungsgrad der Wärmerückgewinnung von mindestens 80 % und eine spezifische Stromaufnahme unter 0,45 Wh/m³. Diese Werte werden von hochwertigen Geräten der aktuellen Generation (z.B. Zehnder ComfoAir Q, Itho Daalderop HRU ECO) sicher erreicht.
Wichtig: Die Förderung muss vor Beginn der Maßnahme beantragt werden. Der Vertrag mit dem Installateur darf noch nicht unterschrieben sein. Plant hierfür einen Puffer von 4 bis 6 Wochen ein. Euer Energieberater kann den Antrag für euch übernehmen.
Fazit: Die Checkliste für den Bauherrn
- Prüft die Pflicht: Liegt ein Lüftungskonzept nach DIN 1946-6 vor?
- Entscheidet euch für ein System: Abluft (C) oder WRG (D).
- Plant den Platz: Technikraum und Kanalwege ab Rohbau.
- Besteht auf Schalldämpfer und Entkopplung.
- Wählt bedarfsgeführte Sensorik.
- Beantragt die KfW-Förderung VOR Auftragsvergabe.
Wer diese Punkte abhakt, baut keine Blackbox im Keller ein, sondern sichert den Werterhalt und die Wohnqualität seiner Immobilie für Jahrzehnte.
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