Wer mit seinen Kindern in einen älteren Atlas schaut, könnte bald eine überraschende Entdeckung machen: Auf neueren Weltkarten sieht Afrika möglicherweise deutlich größer aus. Gleichzeitig wirken Grönland, Kanada und Russland plötzlich kleiner. Wurden da etwa Länder verschoben oder Grenzen verändert?
Nein. An der Erde hat sich natürlich nichts geändert. Neu ist lediglich die Art, wie ihre kugelförmige Oberfläche auf einer flachen Karte dargestellt wird. Die Vereinten Nationen haben sich Anfang September 2026 dafür ausgesprochen, künftig häufiger flächentreue Weltkarten zu verwenden. Sie zeigen wesentlich besser, wie groß Länder und Kontinente im Verhältnis zueinander wirklich sind.
Auf einen Blick
- Die UN-Generalversammlung nahm die Resolution „Correct the Map“ am 4. September 2026 an.
- 164 Staaten stimmten dafür, die USA als einziges Land dagegen. Sechs Staaten enthielten sich.
- Empfohlen wird unter anderem die Kartenprojektion „Equal Earth“.
- Die Entscheidung ist nicht bindend und verbietet ältere Weltkarten nicht.
- Kein Land wird tatsächlich größer oder kleiner. Es geht ausschließlich um die Darstellung auf einer flachen Karte.
Warum kann eine Weltkarte überhaupt falsche Größen zeigen?
Unsere Erde ist annähernd kugelförmig, eine Landkarte dagegen flach. Genau daraus entsteht das Problem: Die Oberfläche einer Kugel lässt sich nicht ausbreiten wie ein Blatt Papier, ohne dass dabei etwas gedehnt, gestaucht oder zerrissen wird.
Ihr könnt euch das wie bei einer Orangenschale vorstellen. Wer die Schale einer Orange in einem Stück abnimmt und flach auf den Tisch legen möchte, wird schnell merken: Sie wölbt sich, bekommt Risse oder muss an einigen Stellen auseinandergezogen werden. Bei einer Weltkarte passiert mathematisch etwas Ähnliches.
Kartografinnen und Kartografen müssen sich deshalb entscheiden, was eine Karte besonders gut darstellen soll. Einige Karten bewahren Richtungen, andere Entfernungen oder Formen. Wieder andere achten darauf, dass die Größenverhältnisse der Flächen stimmen. Eine flache Karte, auf der gleichzeitig alle Formen, Flächen, Entfernungen und Richtungen vollkommen korrekt sind, gibt es nicht.
Was stimmt an der bekannten Weltkarte nicht?
Die uns vertraute Weltkarte beruht häufig auf der sogenannten Mercator-Projektion. Sie wurde 1569 vom Kartografen Gerhard Mercator für die Seefahrt entwickelt. Ihr großer Vorteil: Seeleute konnten einen gleichbleibenden Kurs als gerade Linie in die Karte einzeichnen. Für die Navigation war das ausgesprochen praktisch.
Für einen Vergleich von Ländergrößen ist die Mercator-Karte dagegen schlecht geeignet. Je weiter ein Gebiet vom Äquator entfernt liegt, desto stärker wird es auseinandergezogen. Länder im hohen Norden erscheinen dadurch viel größer, als sie im Verhältnis zu Ländern rund um den Äquator tatsächlich sind.
Das bekannteste Beispiel ist Grönland. Auf manchen Weltkarten sieht die Insel beinahe so groß aus wie Afrika. Tatsächlich umfasst Afrika rund 30,3 Millionen Quadratkilometer, Grönland dagegen nur etwa 2,1 Millionen Quadratkilometer. Afrika ist also fast 14-mal so groß.
Welche Länder sehen auf der neuen Karte kleiner aus?
Vor allem Länder und Regionen weit im Norden verlieren auf einer flächentreuen Weltkarte ihre bisherige optische Übergröße. Dazu gehören:
- Grönland
- Kanada und Alaska
- Russland
- Island
- Norwegen, Schweden und Finnland
- weitere nördliche Teile Europas, Asiens und Nordamerikas
Auch Deutschland und Großbritannien wirken auf einer flächentreuen Karte etwas kleiner als auf einer Mercator-Weltkarte. Der Unterschied ist aber nicht annähernd so auffällig wie bei Grönland oder den weit im Norden liegenden Teilen Kanadas und Russlands.
Besonders extrem ist die Verzerrung bei der Antarktis. Auf klassischen rechteckigen Weltkarten zieht sie sich oft wie ein riesiger Streifen über den gesamten unteren Kartenrand. Eine flächentreue Karte zeigt wesentlich besser, wie groß der Kontinent im Verhältnis zum Rest der Welt wirklich ist.
Welche Länder und Kontinente wirken nun größer?
Afrika, Südamerika, Indien, Indonesien und andere Regionen in der Nähe des Äquators erhalten auf „Equal Earth“ mehr Platz im Verhältnis zum Norden. Genau genommen werden diese Gebiete aber nicht künstlich vergrößert. Sie werden lediglich nicht mehr von den stark aufgeblähten nördlichen Regionen überragt.
Ein paar echte Flächenzahlen aus einem ausführlichen Größenvergleich von Reuters machen den Unterschied deutlich:
- Afrika: rund 30,3 Millionen Quadratkilometer
- Russland: rund 17 Millionen Quadratkilometer
- Kanada: rund 9,9 Millionen Quadratkilometer
- USA: rund 9,8 Millionen Quadratkilometer
- Grönland: rund 2,1 Millionen Quadratkilometer
Afrika ist damit größer als Russland, Kanada und Grönland zusammengenommen. Auf vielen vertrauten Weltkarten ist das kaum zu erkennen. Auch einzelne afrikanische Staaten werden leicht unterschätzt: Algerien und die Demokratische Republik Kongo sind jeweils mehr als sechsmal so groß wie Deutschland.
Was ist die „Equal Earth“-Karte?
Der Name „Equal Earth“ steht sinngemäß für eine Erde mit korrekt dargestellten Flächenverhältnissen.
Die Kartenprojektion wurde 2018 von Bojan Šavrič, Tom Patterson und Bernhard Jenny entwickelt. In ihrem wissenschaftlichen Beitrag zur „Equal Earth“-Projektion beschreiben sie das Ziel: eine Weltkarte, auf der Flächen im richtigen Verhältnis zueinander erscheinen und die trotzdem vertraut und gut lesbar aussieht.
Auf dieser Karte sind die Seiten gebogen. Die Erde wirkt dadurch weniger wie ein streng rechteckiges Brett und erinnert stärker an eine Kugel. Gleichzeitig nimmt jedes Land genau den Flächenanteil der Karte ein, der seiner wirklichen Größe im Verhältnis zu anderen Ländern entspricht.
Vollkommen verzerrungsfrei ist aber auch „Equal Earth“ nicht. Um die Größen richtig darzustellen, müssen an anderer Stelle Kompromisse gemacht werden. Formen, Abstände und Richtungen können deshalb von der Wirklichkeit abweichen. Für Größenvergleiche und den Erdkunde-Unterricht ist diese Projektion dennoch wesentlich besser geeignet als Mercator.
Wie kam es zur Entscheidung der Vereinten Nationen?
Die Kritik an der Mercator-Karte ist nicht neu. Fachleute weisen schon lange darauf hin, dass sie zwar für die Navigation geeignet ist, aber ein falsches Gefühl für die Größen der Kontinente vermittelt. Besonders Afrika und andere Regionen des Globalen Südens wirken im Vergleich zu Europa und Nordamerika kleiner, als sie tatsächlich sind.
Für neue Aufmerksamkeit sorgte 2017 eine Entscheidung der öffentlichen Schulen in Boston: Sie wollten im Unterricht statt Mercator die flächentreue Gall-Peters-Projektion verwenden. Die anschließende Diskussion brachte drei Kartografen dazu, eine flächentreue Darstellung zu entwickeln, die gleichzeitig vertraut und gut lesbar aussieht. Daraus entstand 2018 die „Equal Earth“-Projektion.
Später griffen die Initiativen Africa No Filter und Speak Up Africa das Thema mit der Kampagne „Correct the Map“ auf. Im Jahr 2025 stellte sich auch die Afrikanische Union hinter die Forderung nach einer realistischeren Darstellung des Kontinents. Aus ihrer Sicht beeinflusst eine Weltkarte nicht nur den Geografieunterricht. Wer einen Kontinent dauerhaft viel kleiner sieht, kann unbewusst auch dessen Bedeutung, Vielfalt und wirtschaftliches Gewicht unterschätzen.
Togo brachte das Anliegen schließlich in die Generalversammlung der Vereinten Nationen ein. Am 4. September 2026 stimmten 164 Staaten für die Resolution. Sie ruft Regierungen, Schulen, internationale Organisationen, Medien und Technologieunternehmen dazu auf, flächentreue Karten wie „Equal Earth“ zu verwenden, wenn die Größenverhältnisse eine Rolle spielen.
Die USA lehnten die Resolution als einziges Land ab. Ihre Vertretung kritisierte den Vorstoß als politisch und ideologisch aufgeladen. Sechs Länder enthielten sich. Rechtlich verpflichtend ist das Ergebnis nicht: Kein Staat muss alte Schulatlanten einsammeln und die Mercator-Projektion bleibt erlaubt. Auch für die Schiffs- und Luftnavigation kann sie weiterhin sinnvoll eingesetzt werden.
War die alte Weltkarte absichtlich so gezeichnet?
Gerhard Mercator entwickelte seine Karte nicht, um Afrika klein oder Europa besonders mächtig erscheinen zu lassen. Er wollte ein praktisches Werkzeug für die Seefahrt schaffen. Die Verzerrung ergibt sich aus der mathematischen Methode – und war schon damals bekannt.
Kritisiert wird deshalb weniger die ursprüngliche Erfindung, als ihre spätere Verwendung. Die Navigationskarte wurde über Jahrhunderte auch in Klassenzimmern, Atlanten, Nachrichtensendungen und Grafiken eingesetzt. Dort entstand leicht der Eindruck, sie zeige nicht nur Richtungen, sondern auch die Flächengrößen korrekt.
Die heutige Diskussion hat trotzdem eine politische Seite. Europa, Russland und Nordamerika liegen zu großen Teilen weit nördlich des Äquators und wirken auf der Mercator-Karte besonders mächtig. Viele afrikanische Staaten, Südamerika und Teile Asiens, erscheinen im Verhältnis kleiner. Die Karte hat diese Machtverhältnisse nicht geschaffen, kann unsere Wahrnehmung davon aber beeinflussen.
Welche Weltkarte ist denn nun die richtige?
Die eine perfekte Weltkarte gibt es nicht. Es kommt darauf an, wofür sie gebraucht wird. Für die Navigation kann die Mercator-Projektion weiterhin hilfreich sein. Wer Ländergrößen vergleichen oder Kindern die tatsächlichen Verhältnisse der Kontinente zeigen möchte, ist mit „Equal Earth“ oder einer anderen flächentreuen Karte besser beraten.
Die wichtigste Erkenntnis für Kinder lautet deshalb nicht, dass frühere Karten einfach falsch und neue Karten in jeder Hinsicht richtig sind. Viel spannender ist: Jede Weltkarte zeigt die Erde aus einer bestimmten Perspektive. Es lohnt sich, genau hinzusehen und zu fragen, was eine Darstellung gut kann – und was sie uns möglicherweise nicht richtig zeigt.
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