Seit drei Tagen in Folge haben Familien mit Kindern in Kiew keinen Strom und keine Heizung, während die eisigen Temperaturen die Auswirkungen der anhaltenden Angriffe auf die kritische Infrastruktur noch verschlimmern.
Auch in der Wohnung der dreijährigen Arina gibt es seit mehreren Tagen keinen Zugang zu Energie. Kaltes Wasser steht nur zeitweise zur Verfügung. Da die Temperaturen weiter sinken, sind die Fenster des Schlafzimmers des Mädchens im zehnten Stock von innen mit Feuchtigkeit beschlagen und von außen mit Frost überzogen.
„Zu Hause ist es nicht wärmer als 15 Grad“, sagt Arinas Mutter Svitlana und zieht ihrer Tochter einen rosa Pullover zurecht. Darunter trägt Arina einen warmen Rollkragenpullover und weiche Pyjamas. „Deshalb ziehen wir Arina mehrere Schichten Kleidung an und wickeln sie in eine warme Decke. Selbst dann reicht es manchmal nicht aus.“
Sie macht eine Pause, bevor sie hinzufügt: „Es ist besonders schwer, wenn man sein Kind nicht baden kann – oder noch schlimmer, wenn man ihm keine warme Mahlzeit zubereiten kann.“
Kälte, die tiefer dringt
Kiew wurde in diesem Winter bereits von starken Minustemperaturen mit bis zu –15 °C getroffen. Nach einem groß angelegten Angriff in der Nacht vom 8. auf den 9. Januar waren Millionen Menschen in der Stadt und der Region ohne Strom, Heizung und Wasser.
Die Energieversorger und städtischen Dienste vor Ort arbeiten im Notfallmodus, um die Grundversorgung aufrechtzuerhalten. Die teilweise extremen Wetterbedingungen verzögern jedoch die Reparaturarbeiten.
Für Kinder, wie die dreijährige Arina, birgt die Kälte zusätzliche Risiken – sowohl physisch als auch psychisch. Die eisigen Temperaturen sowie die anhaltende Dunkelheit können Angst und Stress verstärken und zu Atemwegserkrankungen führen oder diese verschlimmern. Davon sind sowohl Kinder als auch Erwachsene betroffen.
Ein warmes Zelt, heißer Tee und ein Teddybär
Die Abende in der dunklen, ungeheizten Wohnung sind besonders schwierig. Arina hält die Hände ihrer Eltern in den eigenen und geht zu einem orangefarbenen Zelt, das vom ukrainischen Staatlichen Rettungsdienst aufgestellt wurde, um sich aufzuwärmen.
In allen Bezirken Kiews wurden mobile Wärme- und Schutzpunkte eingerichtet, die rund um die Uhr in Betrieb sind. Im Inneren können die Menschen heißen Tee trinken, ihre Geräte aufladen, mit einem Psychologen sprechen oder einfach nur in der Wärme sitzen. Für Kinder stehen Bücher und Spielzeug bereit.
„Jedes Zelt ist mit UNICEF-Kits für psychologische Erste Hilfe ausgestattet“, erklärt Ivan, ein Psychologe des staatlichen Rettungsdienstes, der im Kiewer Stadtteil Desnianskyi im Einsatz ist. „Kinder lieben besonders die Comics über Patron, den Hund, und die Malbücher. Sobald sie sich aufgewärmt und beruhigt haben, beginnen sie miteinander zu spielen, während die Eltern ihre Handys aufladen oder Verwandte kontaktieren.“
Die Bezirke am linken Ufer von Kiew sind am stärksten von Angriffen auf die kritische Infrastruktur betroffen. Ganze Wohngebiete bleiben im Dunkeln. In einem schneebedeckten Innenhof, umgeben von grauen Wohnblöcken, wird der Eingang zum mobilen Zelt von einer einzigen Lampe beleuchtet – begleitet vom stetigen Brummen eines Generators.
© UNICEF/UNI928174/Filippov
Nach nur wenigen Minuten im Zelt wird Arina warm. Sie bittet ihre Mutter, den Pullover auszuziehen, und setzt sich hin, um mit Knete und einem braunen Teddybären aus wei-chem Stoff zu spielen. In der Nähe bereitet ihr Vater Andrii Tee zu.
„Das Schwierigste ist, warmes Essen für unser Kind zu beschaffen“, sagt Svitlana. „Am ersten Tag habe ich etwas Brühe, die ich vor dem Angriff gekocht hatte, mit einem kleinen Campingkocher aufgewärmt. Unser Gebäude hat kein Gas, wir sind vollständig auf Strom angewiesen. Gestern und heute gab es Joghurt, Bananen und Kekse. Wir sind wieder hierhergekommen, um heißen Tee zu trinken und unsere Powerbanks aufzuladen.“
Aufgrund der Brandgefahr kommt ein Generator nicht in Betracht und auch die Stadt zu verlassen ist keine adäquate Lösung. In dem nahe gelegenen Dorf, in dem sie Verwandte haben, gibt es ebenfalls Stromausfälle und vereiste Straßen, die das Reisen gefährlich machen.
„Das heiße Wasser im Boiler war sehr schnell aufgebraucht“, erklärt Svitlana. „Ich kann nur wenig Wasser erhitzen, um Arinas Gesicht zu waschen und ihre Zähne zu putzen. Das sind keine geeigneten Bedingungen für ein dreijähriges Kind.“
Aufwachsen im Krieg
Die Wärme bringt die Farbe zurück in Arinas Gesicht. Sie wird fröhlicher, klatscht in die Hände und spricht stolz ihren liebsten Winterreim.
Nach dem letzten Angriff wurde sie durch Explosionsgeräusche wach und ihre Mutter musste sie wieder in den Schlaf wiegen.
„Arina wurde weniger als einen Monat nach Beginn des groß angelegten Krieges geboren“, sagt Svitlana leise. „Die Jahre des Krieges lassen sich an den Jahren ihres Lebens abzählen. Sie hat nie Frieden gekannt.“ Dieser Winter war der bisher härteste, fügt sie hinzu. Die Angriffe sind häufiger geworden und dauern länger, da die Temperaturen weiter sinken.
„Wenn die Sirene ertönt, ziehen wir schnell unsere Jacken und Hausschuhe an und begeben uns in den Schutzraum“, sagt Arina. Mit nur drei Jahren kennt sie die Überlebensregeln bereits auswendig.
Wegen der anhaltenden Sicherheits- und Energiesituation sind Schulen und Kindergärten in Kiew auf hybride Formate umgestiegen. Arinas Kindergarten bleibt jedoch geschlossen, da es dort keine Heizung gibt. „Wir hatten gehofft, dass es wieder öffnen würde, damit unser Kind wenigstens ein paar Stunden in der Wärme verbringen kann und eine warme Mahlzeit erhält“, sagt Svitlana. „Wir hoffen immer noch, dass Strom und Heizung heute wieder funktionieren werden.“
UNICEF unterstützt weiterhin die Energie- und Wasserversorgungssysteme der Ukraine durch die Lieferung von Generatoren und wichtiger Ausrüstung und hilft Krankenhäusern, Kindergärten und anderen wichtigen Einrichtungen, trotz anhaltender Angriffe weiterzuarbeiten.
Nach den Angriffen auf Kiew hat UNICEF große Generatoren für Zentralheizungsanlagen mobilisiert, um ein Einfrieren und den vollständigen Ausfall der Systeme zu verhindern. Diese schnelle Reaktion folgt auf monatelange Vorbereitungen für den Winter in der gesamten Ukraine, um den lokalen Behörden und Dienstleistern im Bedarfsfall sofortige Nothilfe leisten zu können.
Kinder und Familien sind auf jede Unterstützung angewiesen, die sie bekommen können, besonders während der kältesten Tage und dunkelsten Nächte des Jahres.
Die Winter-Nothilfe von UNICEF, die gemeinsam mit lokalen Partnern umgesetzt wird, wird durch die finanzielle Unterstützung der Europäischen Union sowie der Regierungen Norwegens, Deutschlands, Dänemarks und der Vereinigten Staaten ermöglicht.
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