Die biologische Uhr einer Frau

Weltreise oder Windeln wechseln, Kind oder Karriere? Das aus Amerika stammende Verfahren des „Social Freezings“ wird von vielen als Befreiung von der Biologischen Uhr, von anderen als übermächtiger Eingriff der Medizin in den natürlichen Kreislauf betrachtet. Tatsache ist: Es klingt verlockend. Doch ist es wirklich so einfach, die Familienplanung vorübergehend auf Eis zu legen?

Wenn Familienplanung zum Problem wird

Erschreckenderweise ist die fruchtbarste Phase für viele Frauen bereits vorüber, bevor sie überhaupt darüber nachgedacht haben, ein Kind zu bekommen. Da die Anzahl der Eizellen sich ab der Pubertät pro Jahr um rund 12.000 Stück verringert und mit zunehmendem Alter gleichzeitig auch die Qualität der übrigbleibenden Eizellen abnimmt, sinkt die Chance auf eine Schwangerschaft bereits ab dem 30. Lebensjahr rapide.

Für Frauen über 40 besteht sogar nur noch eine 5%ige Chance auf eine natürliche Empfängnis. Wäre es nicht praktisch, wenn man mit Mitte Dreißig einfach „Pause“ drücken und das unangenehme Ticken stumm schalten könnte, bis alle ungeklärten Lebensfragen beseitigt sind und man sich in die perfekte  Ausgangslage für die Gründung einer Familie gebracht hat? Social Freezing verspricht genau das.

 Was bedeutet „Social Freezing“?

Social Freezing ist, einfach ausgedrückt, das Einfrieren von Eizellen ohne medizinischen Grund. Das Verfahren der „Kryokonservierung“ wurde ursprünglich für Krebspatientinnen mit unerfülltem Kinderwunsch entwickelt, da Unfruchtbarkeit eine häufige Folge der Chemotherapie ist. Den Frauen werden vor Beginn der Krebsbehandlung gesunde Eizellen entnommen, deren Alterungsprozess durch sog. „Slow Freezing“ aufgehalten wird. Nach erfolgreicher Chemotherapie können die Eizellen mithilfe von In-vitro-Fertilisation befruchtet und in die Gebärmutter eingesetzt werden. Das erste Kind, das durch die künstliche Befruchtung einer eingefrorenen Eizelle entstanden ist, wurde bereits 1987 geboren.

Das Social Freezing hat sich zunächst als Nebenprodukt der Kryokonservierung entwickelt, nimmt seit einigen Jahren jedoch einen immer größeren Raum im Rahmen der Kinderwunschbehandlung ein. Die Gründe dafür sind, wie der Name bereits sagt, vor allem sozialer Natur, und hängen mit dem enormen Druck zusammen, dem Frauen in unserer Gesellschaft gegenwärtig ausgesetzt sind: Da von ihnen erwartet wird, dass sie sowohl Karrieremensch als auch Mutter sein und beide Aufgaben zu 100 % meistern können, müssen Schwangerschaft, Geburt und Elternzeit mit einer Vielzahl von anderen Faktoren abgeglichen werden. Doch das alles kostet Zeit – und Zeit ist genau das, was Frauen aufgrund ihrer abnehmenden Fruchtbarkeit nicht haben.

Wie funktioniert Social Freezing?

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Das Verfahren ähnelt zu Beginn der künstlichen Befruchtung: Durch Hormongaben wird die Reifung der Eizellen angeregt, damit der Körper während des Zyklus mehr als nur eine einzige Eizelle ausbildet. Nach der Entnahme dieser Eizellen werden sie jedoch nicht, wie bei einer künstlichen Befruchtung, mit den Spermien zusammengeführt, sondern auf unbestimmte Zeit eingefroren. Anstelle des „Slow Freezings“ hat sich mittlerweile das Verfahren der „Vitrifikation“ durchgesetzt: Durch das Eintauchen in flüssigen Stickstoff werden die Eizellen bei einer Temperatur von –196°C innerhalb von Sekundenbruchteilen schockgefroren.

Durch das extrem schnelle Gefrieren wird der natürliche Alterungsprozess der Zellen gestoppt und die Eizellen können quasi unbegrenzt in Stickstoff eingelagert werden. Aktuellen Forschungsergebnissen zufolge können die Eizellen, von denen rund 80% den Prozess der Vitrifikation überleben, nach erfolgreicher künstlicher Befruchtung Frauen jeden Alters zu einem selbst gewählten Zeitpunkt eingesetzt werden. Die Erfolgsrate bei der In-vitro-Fertilisation von eingefrorenen Eizellen liegt zwischen 60 und 70 %.

Mehr zum Verfahren auf www.seracell-freezing.de

Welche Risiken birgt die künstlich verlängerte Familienplanung?

Obgleich das Social Freezing mittlerweile als reguläre Behandlungsmöglichkeit gilt, ist es immer wieder Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Erst kürzlich wurde wieder entsprechende Kritik laut, als Apple und Facebook öffentlich machten, die Entscheidung ihrer Mitarbeiterinnen für eine spätere Familienplanung finanziell unterstützen zu wollen. Das Hauptargument, das häufig gegen Social Freezing angeführt wird, ist die Tatsache, dass der Faktor „Zeit“ sehr wohl eine Rolle spielt: Es stimmt zwar, dass die Eizellen nach der Vitrifikation nicht mehr altern, eine 60-Jährige theoretisch also ein ebenso gesundes Kind austragen kann wie eine 20-Jährige, doch auch hier gibt es natürliche Grenzen.

So sind die Erfolgschancen am größten, wenn die Frau bei der Entnahme der Eizellen nicht älter als 30 Jahre ist, da die Qualität des genetischen Materials ab diesem Zeitpunkt rapide abnimmt, und die befruchtete Eizelle spätestens bis zum 51. Lebensjahr wieder eingesetzt wird. Wird die Eizelle erst nach dem 30. Lebensjahr entnommen, sinkt nicht nur die Chance auf eine erfolgreiche Befruchtung, sondern es bestehen die gleichen Risiken wie bei natürlichen Risikoschwangerschaften.

Ähnliches gilt für den Zeitpunkt der Einnistung: Ist die werdende Mutter älter als 35, steigt das Risiko für Frühgeburten, Bluthochdruck und Schwangerschaftsdiabetes.

Ein grundsätzliches gesundheitliches Risiko besteht auch durch die hormonelle Stimulation der Eierstöcke, die Entnahme und das Einsetzen der befruchteten Eizellen. Die Hormonbehandlung kann im schlimmsten Fall zu Zystenbildung und Durchblutungsstörungen führen, die Entnahme findet ausschließlich unter Vollnarkose statt, und das Einsetzen kann Entzündungen in der Gebärmutter hervorrufen. Darüber hinaus besteht grundsätzlich das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft, da bei der In-vitro-Fertilisation mindestens drei befruchtete Eizellen in die Gebärmutter eingesetzt werden. Je nach Alter und allgemeinem Gesundheitszustand der werdenden Mutter kann auch dies zu erheblichen Komplikationen sowohl während der Schwangerschaft als auch bei der Entbindung führen.

Last but noch least: Social Freezing ist keine Kassenleistung. Das bedeutet, dass ihr die Kosten von rund 2000 Euro für Hormonbehandlung, Entnahme und Einfrieren der Eizellen, plus die monatlichen Kosten für die Lagerung privat tragen müsst. Aus diesem Grund solltest ihr euch im Vorfeld sehr genau darüber klar werden, wie eure Wünsche für die Zukunft aussehen und euch dann gut darüber informieren, was ihr für Möglichkeiten habt.

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