Berlin (AFP) – An Deutschlands Schulen soll der Kampf gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen flächendeckend ausgeweitet werden.

Mit der für kommendes Schuljahr geplanten Initiative „Schulen gegen sexuelle Gewalt“ solle das „Aktionsfeld Nummer Eins“ für die Vorbeugung von Missbrauch stärker in den Blick genommen werden, sagte Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung, am Dienstag in Berlin. Nur an Schulen könne sichergestellt werden, dass alle Kinder und Jugendlichen auf Hilfsangebote aufmerksam gemacht werden.

Bei Maßnahmen zur Prävention sexueller Gewalt sei Deutschland seit Bekanntwerden zahlreicher Missbrauchsfälle in Schulen und Kirchen 2010 ein gutes Stück vorangekommen, sagte Rörig beim „Fachtag Kindesmissbrauch“. Dennoch blieben die bekannten Fallzahlen mit rund 12.500 Strafverfahren jährlich konstant hoch. Dabei sei nicht nur eine weitaus größere Dunkelziffer anzunehmen, durch das Wachstum sozialer Medien und Zuwanderung kämen auch neue Herausforderungen hinzu.

Der Weltgesundheitsorganisation zufolge könnten in Deutschland bis zu eine Million Kinder von sexueller Gewalt betroffen sein, sagte Rörig weiter. Internationale Studien wiesen darauf hin, dass Prävention die Fallzahlen deutlich verringern könne. Das Online-Portal www.kein-raum-fuer-missbrauch.de solle mit umfangreichem Informationsmaterial dabei helfen, Prävention „in allen Einrichtungen“ für Kinder und Jugendliche zu „gelebtem Alltag“ zu machen, erläuterte Rörig.

Thomas Rauschenbach vom Deutschen Jugendinstitut zufolge hat sich in Deutschland mittlerweile immerhin eine neue „Kultur des Hinhörens“ etabliert. Akut Betroffenen und auch früheren Missbrauchsopfern werde mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Dennoch bleibe die Vorbeugungsarbeit ein „hochkomplizierter Prozess“, bei dem im Alltag immer wieder zwischen Grenzfällen harmloser und bedenklicher Intimität gegenüber Minderjährigen unterschieden werden müsse.

Das Thema werde mitunter weiterhin bagatellisiert. Auch gebe es bei Beteiligten die Furcht, schon durch das Ansprechen sexueller Gewalt in Verdacht zu geraten, selbst darin verwickelt zu sein, sagte Rauschenbach. Prävention müsse daher fester Bestandteil pädagogischer Ausbildungen werden und das „Beschwerdemanagement“ für Betroffene aufgewertet werden.

Den mehr als 100.000 Schulen, Kindergärten und Einrichtungen öffentlicher Kinder- und Jugendarbeit stünden derzeit nur 523 Fachberatungsstellen gegenüber, konstatierte Barbara Kavemann vom Frauenforschungsinstitut Freiburg. Gerade in ländlichen Regionen müssten Hilfsangebote mitunter „mit der Lupe gesucht“ werden.

Um neu geschaffenen Rechtsansprüchen für Betroffene sexueller Gewalt und auch der gestiegenen Nachfrage gerecht zu werden, bräuchten die Beratungsstellen eine „angemessene Personaldecke“, sagte Kavemann. Länder und Kommunen müssten sich dem Problem daher finanziell noch deutlich stärker widmen als bislang geschehen.

bw/bk

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AFP

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